Full text: Volume (Bd. 1 (1853))

Heimbach, Lehrbuch des sächfischen bürgerlichen ProcesseS. 361'
artikel rc. in die Schranken zu stellen. Wo in dem Jahr 1848
an manchem Hergebrachten gerüttelt wurde, da hatte dieses wohl
meistens in anderen, hier nicht zu erörternden Verhältnissen, nicht
aber in einer verminderten Achtung vor dem Rechte seinen Grund.
Wäre dieses aber auch der Fall, und wäre wirklich der Nechts-
sinn im Volke aus den letzten Jahren nur vermindert erhalten
worden, so wird derselbe wahrlich nicht durch Beibehaltung des
gemeinrechtlichen und sächsischen Zivilprocesses in seinen Resten
erhalten und gestärkt werden. Um ihn wieder zu heben, thut
gerade dasjenige Roth, was der Verfasser bekämpft: Münd-
lichkeit und Oeffentlichkeit auch im Zivilverfahren. Wer
im Leben stand oder steht und sich nicht gegen die Eindrücke des-
selben abschließt, weiß, mit welchem Mißtrauen das Volk auf
das geheime und schriftliche Verfahren blickt. Die Oeffentlichkeit
gewährt das Gefühl der Rechtssicherheit und deckt auf und zer-
stört die Ränke des Unrechts. Mit dem Vertrauen in die Justiz
muß auch die Achtung vor derselben wachsen. Recht erfreulich
erkennen dieses die Landesherrn, welche die Verbesserung der
Justizpflege durch Einführung der Mündlichkeit und Oeffentlichkeit
bewirken wollen. Wünschen wir, daß Stimmen wie die des
Hrn. Verfassers hier nicht einwirken.
Uebrigens ist die Einführung der Mündlichkeit und Oeffent-
lichkeit nicht so umständlich und schwierig, wie der Hr. Verfasser
glaubt. Man sehe die kurze, einfache hamburgische Handelsge-
richtsordnung, neben welcher die wesentlichen Grundsätze des
gemeinen Processes, Vcrhandlungs- und Eventualmarime, in An-
wendung bestehen. Freilich, geheimes Zeugenverhör und sächsi-
scher Beweis in Artikelform können bei Mündlichkeit und Oeffent-
lichkeit ihre Eriftenz nicht fristen.
Der Hr. Verfasser lobt die gute alte Zeit, in welcher die
Gesetze nicht von Einzelnen ausgearbeitet und sofort den Land-
ständen vorgelegt wurden, sondern Juristenfakultäten, Schöp-
penstühle, Landeskollegien, auswärtige Sachverständige gehört
wurden. Damit schuf man aber auch nur ein Recht für Juristen,
nicht für das Volk, für den Verkehr. Man schuf ein Recht, über
welches die Juristen sich streiten, und welches das Volk nicht
versteht. Gegen Uebereilung in der Gesetzgebung und für reif-
liche Ueberlegung sind auch wir Juristenfacultäten re., aber,
deren Mitglieder in der Studir- oder Gerichtsstube unter schrift-
lichem Verfahren und Aktenstößen ergrauet sind, können wir in

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