Full text: Volume (Bd. 1 (1853))

Schmidt, der principielle Unterschieb re.

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Der römische Staat war auf das Subjektivitätsprinzip ge-
gründet; schon die Sage erzählt, daß er aus einer, von allen
Banden losgeriffenen räuberischen Freischaar entstand. Die Aus-
dehnung der persönlichen Willensherrschaft war die Lebensaufgabe
der Römer. Das römische Recht geht demnach nicht von dem
Inhalt des Sittengesetzcs aus, sondern nur von dem äußerlichen,
rechtlichen Verhältniß unter den Menschen.
Die entgegengesetzte Auffassung, welche die Vorschriften des Sit-
tengesetzes dem sittlichen Bewußtsein des Einzelnen von vornherein
als etwas objektiv Nothwendiges darstellt, dessen Verwirklichung
von Jedem gefordert wird, die Auffassung, daß das Recht und der
Staat ein Produkt des Sittengesetzes ist, liegt dem Recht der
Griechen und der Germanen zu Grund. Hier hat der Staat nur
die sittliche Freiheit der Individuen zu schützen und zu ver-
wirklichen. Wahrend also die römische Rechtslehrc von der Vor-
aussetzung ausgeht, daß die Individuen, wie sie auch sittlich zu
einander sich verhalten, rechtlich einander fremd und pflichtlos
gcgcnüberstehen, geht das germanische Recht von dem Prinzip aus,
daß die Menschen sittlich verpflichtet sind, einander in rechten und
sittlichen Dingen beizustehen. Um es noch einmal zusammenzu-
fasicn, das Prinzip des römischen Rechts ist die Wahrung und
Realisirung der subjektiven Willensfreiheit des Einzelnen, das des
germanischen die Ordnung der einzelnen Lebensverhältnisse nach,
aus der natürlichen und sittlichen Offenbarung sich ergebenden, hö-
hcrn sittlichen Zwecken.
Dieß bethäligt sich vor Allem in den verschiedenen Begriffen
von Freiheit, Recht und Ehre. Dem Römer entsteht das Recht
im Staat, ihm ist der Wille des Volks das höchste Gesetz; den
Germanen ist Gott die erste Quelle des Rechts (wie der Sachsen-
spiegel sagt und die Augsburg. Eonf. Art. 16 lehrt, daß alle Ge-
setze und gute Ordnungen von Gott geschaffen und eingesetzt sind);
ihnen ist die gesetzgeberische Gewalt durch den göttlichen Willen
beschränkt. Bei den Römern hat das Prinzip der Sittlichkeit
keinen Einfluß auf das Recht, daher ist die Freiheit der Ehe-
scheidung, die väterliche Gewalt, die Veräußerungsbefugniß un-
beschränkt ; die Römer beziehen den Erwerb von Sachen auf
das Prinzip der Beute, das manu capere; die Germanen empfan-
gen es als Lehen im höhern Sinn; sie führen es zurück auf die
höhere sittliche Weltordnung (S. 108). Daher auf der einen

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