Full text: Volume (Bd. 1 (1853))

92 Die Lehre von den Handelsgesellschaften nach österr. Rechte.
punkte betrachtet, ein willkommener Beitrag zu unserer mageren
Handelsrechtsliteratur, und nicht bloß eigenthümlich österreichisch.
Bisweilen verirrt sie sich jedoch zu tadelnswertsten unjuristischen
Absonderlichkeiten. Weniger ist dieses bei der Bestandlung der
offenen Gesellschaft der Fall, denn die in der deutschen Jurisprudenz
längst als unrichtig erkannte, namentlich von der französ. Juris-
prudenz gepflegte Ansicht, daß die offene Gesellschaft eine juristische
Person sei, wollen wir dem Vers, nicht zum Vorwurfe machen'), da
er ttberstaupt bei seinem Mangel an juristischer Auffassung und
Beurtsteilung der Verhältnisse leicht dahin kommen mußte, stier
seinen französischen Materialien zu folgen. Durchaus verwerf-
liche Bestauptungen kommen aber vor bei den Lehren der stillen
Gesellschaft und der Gelegensteitsgesellschaft. Z. B. unter Nr.
113 geht der Vers, von dem allerdings richtigen Grundsätze aus,
daß der stille Gesellschafterseine Einlagen wirklich leisten müsse.
Wenn nun, so führt der Vers, beispielsweise an, der Kommandi-
tist die Einlage mittelst eines von ihm an den Komplementär über-
tragenen, auf B. gezogenen und von diesem akzeptirten Wechsel
leiste, B. aber, statt dem Komplementär zu zahlen, seine Wechsel-
schuld mit einer ihm an den Komplementär persönlich zustestenden
Forderung kompensire, so sei das Geld nicht der Gcsellschaftökasse
zugeflossen, die Einlage nicht geleistet worden. — Das Unzutref-
fende und Unjuristische dieses Beispieles und einer solchen Anwen-
dung des richtigen Grundsatzes liegt auf der Hand, auch wenn man
mit demVerf. in Nr. 113 das Dasein einer Gesellschafts-
kasse, d. i. eines Gesellschaftsvermögens, annehmcn will, wäh-
rend er Nr. 116 das richtige Verstältniß sterausfiihlt, es aber
nicht juristisch aufzufassen vermag. Es besteht nämlich eine Ge-
sellschaft in dem Gewinne und Verluste, nicht aber in dem Hand-
lungsvermögen, welches ebenso, wie das Handelsgewerbe dem
Komplementär allein zusteht und in welches die Einlage überge-
gangen ist. *) Nimmt man aber an, daß eine Gesellschaft in dem
Handlungsvermögen bestehe, so erscheint diese doch nicht nach außen
hin. Das Handlungsvermögen, eine Gesellschaft in demselben

1) UebrigenS erkennen auch die Franzosen, daß sich die Fiktion einer juristischen
Person für die Kollektiogescllschaft nicht durchführen lasse. Vergl. z. B. Revue de
legislalion von 1846, Bd. 1. S. 212 ff.
2) Siehe mein Lehrbuch des Handelsrechts §. 56.

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