Full text: Volume (Bd. 1 (1853))

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Maurer.

Bei dem Bisherigen bleibt nun aber die Verwandtschaft nicht
stehen, die Festigkeit des verwandtschaftlichen Bandes hat vielmehr
zur Folge, daß die Geschlechter in vielen Beziehungen geradezu als
Staaten im Staate auftreten, so daß der Einzelne vielfach nicht
mehr als Einzelner, sondern nur ncch als Angehöriger seines Ge-
schlechtes erscheint, das nach außen geradezu für ihn einsteht; auch
hierin aber liegt etwas aus dem Geschlechtsverbande selbst Er-
wachsenes, nicht erst vom Staate Gesetztes, ja sogar für diesen nicht
selten sehr Unbequemes. Von hier aus ergibt sich aber einmal
die ausschließliche Begründung des Erbrechts auf die Verwandt-
schaft; das Vermögen des Einzelnen ist zwar zunächst sein eigen,
in höherer Instanz aber ist es Gut der Gesammtheit, derer selbst
angehört, und fällt mit seinem Tode an diese, und zwar in der
Person des nächstberufenen Verwandten zurück. Letztwillige Ver-
süguitgen kommen zwar bei den Angelsachsen vor, *) aber offenbar als
eine noch nicht zum Abschlüsse gediehene Neuerung; durch Einholung
königlicher Bestätigung, durch Verfluchung aller Zuwiderhandelnden,
suchte man der an sich nicht rechtsbeständigen Verfügung hier wie
auf dem deutschen Festlande Gültigkeit zu verschaffen. '*) Nicht
minder aber macht sich die geschlossene Stellung der Geschlechter
auch da geltend, wo es sich um feindliche Beziehungen ihrer An-
gehörigen gegen Fremde handelt, und zumal in Todtschlagssachen,
in Bezug auf welche die ältesten Anschauungen sich am längsten
lebendig erhalten zu haben scheinen. Es erscheint aber von Anfang
an die Uebung der Blutrache als eine heilige Pflicht zunächst des
Erben, dann aber auch der gesummten übrigen Verwandtschaft, ge-
gen den Erschlagenen, und insofern ist der Ausdruck „Vormund-

*) Vergl. Phillips, p. 147—8, dessen Darstellung indeß aus den
Urkunden sehr wesentlich zu ergänzen wäre. Von dem eigenthümlichen
Rechte der Verwandtschaft an den Stammgütern wird unten noch zu
sprechen seyn.
2) Die Vormundschaft, soweit sie sich auf das Vermögen, nicht
die Person des Mündels bezieht, findet hier ihre zweite Wurzel; das
dem Unmündigen zufallende Vermögen wird von dem Nächstberechtigten,
beziehungsweise dem ganzen Geschlechte, verwaltet, damit es ihm nicht
entgehe. Aehnliches tritt sogar bei bloß vorübergehender Unfähigkeit
des Einzelnen zu eigner Vermögensverwaltung ein; vergl. ^ellr. 1.

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