Full text: Volume (Bd. 1 (1853))

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Ueber angelsächsische Rechtsverhältnisse.

Weise erklärt sich denn auch, wie einerseits von Geldbußen die
Rede seyn kann, welche der Unfreie selbst, und zwar zum Theil an
seinen eigenen Herrn entrichten soll, !) andererseits aber auch
ziemlich häufig Vorkommen konnte, daß der Unfreie sich selbst von
seinem Herrn die Freilassung erkaufte.* 2) Wie sich freilich dieser
rechtlich geschützte Besitz des Sklaven mit seiner zweifellos fest-
stehenden Rechtlosigkeit auseinandersetzen ließ, ist bei der Dürftig-
keit unserer Quellen nicht leicht einzusehen; gewiß aber ist, daß
der gleiche Confliet auch in anderen germanischen Rechten wieder-
kehrt. Im Norden z. B. kommt ein poeulium der Unfreien unter
der technischen Bezeichnung orka. Erarbeitetes, vor, und es wird
uns erzählt, daß Erlingr Skjalgsson, einer der mächtigsten
Männer seiner Zeit in Norwegen (t 1028), seinen zahlreichen
Sklaven gestattete, nach Beendigung der ihnen täglich aufgegebenen
Arbeit für sich selbst zu arbeiten, und zu diesem Behufe eigenes
Ackerland anwies, das sie auf eigene Rechnung bauen durften; —
daß er ferner den Werth bestimmte, um welchen sich jeder einzelne
selbst loskaufen durfte, und dadurch möglich machte, daß viele im
ersten oder zweiten, alle aber, die nur einigermaßen fleißig waren,
wenigstens im dritten Jahre sich freimachten.3) Ueberhaupt ver-
söhnt mit der alten Unfreiheit fast mehr noch als die thatsächliche
Milde des Verhältnisses der Umstand, daß Freilassungen dieselbe
jeden Augenblick beseitigen konnten, und in der That sehr häufig
beseitigten. Nicht nur war dem Sklaven selbst, wie wir gesehen
haben, möglich gemacht, die eigene Freiheit sich zu erkaufen, son-
dern eö galt auch, wenigstens in der christlichen Zeit, die Frei-
lassung der eignen Leute und das Loskaufen fremder Unfreien als
ein verdienstliches und gottgefälliges Werk; und die Urkunden

*) So Wihtr. §. 9, falls der Tert nicht verdorben ist.
2) Ein Beispiel bietet Cod. dipl. mim. 1351; öfter kaufen Eltern
ihre Kinder frei; num. 934, 935, 1351; vgl. auch Turner, III, 55—6.
2) Olafs». 8. hins helga, c. 43. (Fornmanna S. IV, S. 70—1).
Erlings Speculation gieng dabei dahin, daß er durch die Zahl «einer
Freigelassenen, die auch als solche noch immer von ihm abhängig blieben,
eine sehr bedeutende Verstärkung feiner Macht erlangte, während er
aus den eingenommenen Lösegeldern sich immer wieder die gleiche Zahl
von Sklaven kaufen konnte. Mancher angelsächsische Häuptling mag bei
seinen Freilassungen ähnlich speculirt haben.

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