Full text: Volume (Bd. 1 (1853))

350 Die neuesten Versuche deutscher Civil-Gesetzgebung.
Sintenis freilich ist wohlberechtigt dagegen zu protestiren,
daß man ihm „Voreingenommenheit und Pedanterie der Schule,
schlechtberechtigte Vornehmheit und Einseitigkeit eines bloßen Theo-
retikers" beimesse ; er kann sich auf eine zwölfjährige „advocato-
rische Praxis" berufen, aus mehrjährige akademische Lehrthätigkeit,
und, außer vielen einzelnen Abhandlungen, auf ein ausführliches
Handbuch des gemeinen Civilrechts, das sich zur Aufgabe gesetzt,
„das und nur das zu schildern, was bei uns Rechtens ist;" er
führt jetzt seit Jahren den Vorsitz in einem hohen Gerichtshöfe.
Aber gegen das „sermocinari tamquam e vinculis“ ist er deß-
halb doch nicht für vollkommen versichert zu halten, zumal sich
' seine praktische Bethätigung doch immer nur auf dem Boden des
gemeinen Rechts bewegte, die gründlichere Beschäftigung vor-
zugsweise mit dem römischen Recht insbesondere aber, wegen
seines tiefen wissenschaftlichen Gehalts, leicht eine Art von vin-
culirender Gewalt ausüben kann. Wir haben erfahren, wie sehr
tüchtige Rechtsbeamte, die im preußischen Juftizdienste ihre Schule
gemacht, mit allem Eifer darauf bedacht waren, Provinzen, denen
bisher das gemeine Recht belassen war, ohne Verzug der Seg-
nungen der gesammten preußischen Gesetzgebung theilhaftig zu
machen, obgleich schon eine durchgreifende Revision derselben in
Aussicht gestellt war, während hinwiederum rheinischen Juristen fast
das Haar sich sträubte, als ihnen die Vertauschung der französi-
schen Rechts- und Gerichtsverfassung mit der preußischen bevor-
stand. Darum darf man wohl ohne Unart die Vermuthung
äußern, daß des Verfassers Ansichten sich vielleicht anders ge-
staltet hätten, wenn er an einem rheinischen oder preußischen Ge-
richte zwölf Jahre als Advocat oder Präsident gewirkt hätte.
Immer aber genießt derselbe mit Recht des Rufes eines gründ-
lichen Theoretikers und eines erfahrenen Praktikers; und deßhalb
mag es gerechtfertigt erscheinen, daß wir uns aus Anlaß seiner
Schrift noch so lange bei der Besprechung einer nach dieser an-
geblich auf dem Boden der Wissenschaft längst erledigten Frage
verweilt haben.
Sintenis hat übrigens auch (S. 57—152.) eine Reihe von
einzelnen Ausstellungen gegen den sächsischen Entwurf vorgebracht,
ohne eine vollständige Kritik desselben zu beabsichtigen, und diese
verdienen allerdings großentheils bei der ferner» Berathung des

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