Full text: Volume (Bd. 1 (1853))

300 Die neuere deutsche Gesetzgebung über den Civilproeeß.
mit Hintansetzung und Verachtung aller Wissenschaft. Auf diese
Weise versumpfte die PrariS nicht selten zum Schlendrian.
2) Die Spärlichkeit der Gesetzgebung auf dem Gebiete des
gemeinen ProcesseS führte zu dem Streben der Theoretiker im
Wege der Abstracti on eine systematische Ausbildung, eine be-
griffsmäßige. Anordnung des Verfahrens aufzustellen, während es
in Beziehung auf solches doch nur auf die einfachste und geschick-
teste Behandlungsart ankommt, und es verkehrt erscheint, das was
nicht zu dem Proceßrecht, sondern zu dem eigentlichen Verfahren,
Pr o c eß im engem Sinne, zu der Art, einzelne Handlungen vor-
zunehmen, und zu der Verbindung derselben zu einer ganzen Ver-
handlung gehört, nach Begriffsunterschieden und einer allgemeinen
Theorie einzurichten *).
Auf solche Weise gelangte man zu den sogenannten Marimen
— Verhandlungs-Eventualmarime, welche für den Proceß von
nicht größerem Frommen waren, als das ,,Phlogiston" und andere
„Irrlichter" für die Naturwissenschaften.
Die Theorie des Processes wurde zu einer dürren Speculation,
der es an jeder Einsicht in die historische Begründung und prak-
tische, ihrem wirklichen Daseyn entnommene Bedeutung der Institute
gebrach, und die am wenigsten geeignet war für die Anwendung
ein einfaches, gewisses und dem Bedürfniß entsprechendes Verfah-
ren aufzustellen. So führte, um das Gesagte im einzelnen nach-
zuweisen, die scharfe Trennung des Vorbringens der Thatsachen
und des Beweises derselben zu der Gewohnheit, thatsächliche Be-
hauptungen ohne alle Begründung ins Blaue hinein aufzustellen,
welche Gewohnheit wieder die andern nach sich zog, alle factischen
Behauptungen des Gegentheils mit der frechsten Stirne abzu-
läugnen.
Eine gleichsam sanctionirte Aufforderung zum Lügen lag ins-
besondere in den oben bereits hervorgehobenen Marimen, indem
die Verhandlungsmarime den Richter in Rücksicht der Thatsachen,
die er beachten darf, auf eine ungebührliche Weise beschränkt, die
Eventualmarime aber, die successive Geltendmachung einander ge-
radezu ausschließender Thatsachen ganz unbedingt gestattet und so
nicht selten an jenen bekannten Berliner Eckensteher erinnert, der

4) Bethmann-Hollweg a. a. O. S. XXVIU.

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