Full text: Volume (Bd. 1 (1853))

Die neuere deutsche Gesetzgebung über den Civilproceß. 299
auch nicht fehlen tiejM), sich dabei größtentheils auf eine nähere
Ausprägung des im gemeinen ReichSproceß ruhenden Gedanken-
beschränkend, bis die allgemeine Gerichtsordnung für die preußi-
schen Staaten gegen Ende des vorigen Jahrhunderts zuerst die
bisherige Bahn durch Aufstellung der sogenannten Untersuchungö-
marime verließ. Durch diese Umgestaltung, welche, abgesehen von
dem Bedürfniß der Beseitigung mancherlei in der gerichtlichen PrariS
hervorgetretenen Mißbräuche, mit der damals in Schwung befind-
lichen, bei der in jener Zeit vorherrschenden Unthätigkeit des ge-
müthlichen Philifterthums theilweise gerechtfertigten Vielregiererei
zusammenhing, sowie durch die später erfolgte Verpflanzung einer
fremden Gerichtsverfassung und Procedur — der französischen —
aus deutschen Boden, wurde der kritische Geist auch auf dieß Ge-
biet des Processes gelenkt, und so auch von außen Veranlassung
gegeben das Bestehende zu prüfen und zu bessern.
Aus dem hier in Kürze geschilderten Gang der Entwicklung
des gemeinen deutschen Processes erklären sich, wie bereits bemerkt,
leicht dessen theoretische und praktische Mängel, welche nunmehr
in ihren Grundzügen näher im einzelnen erörtert werden sollen.
1) Der Umstand, daß die Fortbildung des Proceßrechtes auf
dem Wege der Gesetzgebung vorzugsweise den Particularstaaten
anheimfiel, entfremdete Theorie und Praris einander, und führte
so nahe zu der von Savigny^) bezeichneten Gefahr, daß die
Theorie zu einem leeren Spiel, die Praris zu einem bloßen Hand-
werk herabsank. Die Theoretiker nämlich beschäftigten sich vor-
zugsweise mit dem gemeinen Processe, da dessen Wirksamkeit,
wenn auch nur in der Idee, sich auf das gesammte Deutschland
erstreckte, und die Lehrer des Rechtes auf den deutschen Univer-
sitäten schon durch rein äußere Rücksichten darauf angewiesen waren,
bei ihren Lehrvorträgen sowohl als bei ihren schriftstellerischen Ar-
beiten das gesammte Deutschland in das Auge zu fassen.
Den Praktikern dagegen genügte das ideelle Wesen des ge-
meinen Processes nicht, sie verlangten etwas materielles und greif-
bares und fanden ein solches in der besonderen Gesetzgebung ihres
specifischen Heimathslandes. An diese hielten sie sich nun häufig

*) Vergl. die Uebersicht bei Heffter a. a. O. §. 26.
2) System des heut. röm. Rechts Bd. I. Dorr. S. XX.

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