Full text: Volume (Bd. 1 (1853))

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Die ruhende Erbschaft

wo augenblicklich keine Person vorhanden ist der sie zugeschrieben
werden, mit dem ist weiter nicht zu streiten. Hier handelt es sich
nicht um juristische Demonstrationen; hier handelt eö sich um die
Möglichkeit oder Unmöglichkeit, die Gesundheit oder Ungesundheit
einer Lebensanschauung. Da hat der eine nur sein Nein, und
der andere nur sein Ja; entscheiden aber kann nur das Leben selbst.
Aber die Ermöglichung der Fortdauer der Obligationen tzes
Verstorbenen — diese, wie es scheint, uneinnehmbare Festung der
fortdauernden Persönlichkeit! Freilich, gäbe es in unserer freien
Wissenschaft absolute Dogmata, dann wäre sie es; aber deren
wollen wir uns, so Gott will, erwehren, und nie vergessen, daß
die Dogmata durch uns sind, größer aber als wir die Dinge!
Das obligatorische Recht, sagt man, besteht nicht bloß durch den
Willen eines, sondern durch den Willen zweier, des Gläubigers,
der Gläubiger gerade dieses Schuldners, des Schuldners, der
Schuldner gerade dieses Gläubigers seyn will. Daher kann an
die Stelle des Gläubigers kein anderer Gläubiger treten, weil
-dessen Willen dann der Wille des Schuldners nicht entsprechen,
an die Stelle des Schuldners kein anderer Schuldner, weil nicht
auf ihn dann der Wille des Gläubigers gehen würde. Dem sey
so. Und doch, wenn die Rechtsanschauung eines Volkes sagen
wollte: in gewissen Fällen, oder auch überhaupt, muß der Schuldner
sich gefallen lassen, daß ihm ein neuer Gläubiger, der Gläubiger,
daß ihm ein neuer Schuldner gesetzt werde, der eine und der
andere muß mit seinem Willen dem Willen des neu Eintretenden
folgen: was wäre dagegen einzuwenden? Und glaubt man denn
wirklich, daß einer solchen Anschauung die vermittelnde Vorstellung
nothwendig erscheinen würde: eigentlich sey jedoch der neue Gläu-
biger der alte Gläubiger, der neue Schuldner der alte Schuldner,
daß sie es versuchen würde, mit dieser blassen Abstraction der
Partei, welcher sie eine neue Person gegenüberstellt, gleichsam einen
Trost zu geben für die reale Aenderung des Verhältnisses: dem
Schuldner dafür, daß er nun vielleicht einen härteren Gläubiger,
dem Gläubiger dafür, daß er vielleicht einen schlechteren Schuldner
hat? Aber, sagt man, dann wäre ja die jetzt bestehende Obligation
nicht mehr dieselbe, wie die früher dagewesene, ein Verhältniß
zwischen A und C, nicht mehr zwischen A und B. Wer wird
läugnen, daß ein Verhältniß zwischen X und C nicht dasselbe ist,

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