Full text: Volume (Bd. 1 (1853))

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Die neuesten Versuche

dert oder weggelassen. So namentlich enthielt sein ursprünglicher
Entwurf noch 3 §§. über Standesverschiedenheit und 70 88. vom
Adelftande, die nun als bloße Antiquität unter dem Terte mit-
getheilt werden, nachdem damals schon in den „Grundrechten des
deutschen Volks" der Satz ausgenommen war: „Der Adel als
Stand ist aufgehoben." Jetzt, nach vier Jahren, sind diese Grund-
rechte selbst schon eine Antiquität geworden, als Erzeugniß eines
Zustandes, von dem man verwundert ist in 8. 10. unseres Ent-
wurfs folgende Begriffbestimmung zu finden: „Die vorübergehende,
durch den Genuß aufregender Lebensmittel oder in anderer Weise
herbeigeführte Geistesstörung wird Berauschung genannt." Daß
das vorliegende Werk an solchem Fehler des Ursprungs leide, kann
man ihm nicht vorwerfen, man möchte denn in Bitterkeit oder
Nüchternheit der Seele jede das ganze Deutschland umfassende
patriotische Gesinnung nur für einen Rausch erklären ; aber aller-
dings ist schon dieser 8. 10. mit seinen neun Vorgängern geeignet,
gegen den Berus des Verfassers zur Abfassung eines bürgerlichen
Gesetzbuchs Bedenken zu erregen. Wer möchte wohl, wie er, ein
Gesetzbuch für Deutschland mit dem Satze beginnen: „Der Staat
erkennt als selbständige geistige Wesen, welche durch ihren Körper
mit der Außenwelt in Verbindung treten, nur Menschen?" —
wer dem 8. 2. seinen Beifall schenken, welcher fortfährt: „Indem
Menschen, als einem selbständiger Rechtsfähigkeit theilhaftigen freien
Wesen, beruht der Ursprung aller Persönlichkeit" ? Wer wird nicht
Anstoß nehmen an der Fassung des 8. 3.: „Regelmäßig ist jede
Person vor dem Gesetze gleich", wenn er auch in den beliebten
obwohl eigentlich sinnlosen Ausdruck der Gleichheit vor dem Gesetze
noch so sehr verliebt ist? Wir vermögen denn auch das Werk im
Ganzen nach Form und Inhalt nicht als ein gelungenes zu be-
zeichnen, wenn gleich wir dem Wagniß des Versuches schon an
sich und der Vaterlandsliebe, woraus er hervorgegangen, so wie
den Kenntnissen, die sich darin an den Tag legen, unsre An-
erkennung nicht versagen können und wohl wünschen, daß in allen
hohem Gerichten unseres großen Vaterlandes viele eben so ent-
schlossene Männer sitzen möchten. Wäre aber auch das Werk
vortrefflich, der Hoffnung daß es wirklich Grundlage einer ge-
meinen deutschen Civilgesetzgebung werde, müßte der Verfasser doch
vorerst wohl entsagen; vernahmen wir doch erst vor kurzem, daß

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