Full text: Volume (Bd. 1 (1853))

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Maurers Beiträge

In den ersten 60 Jahren der Einwanderung gab es noch
keinen isländischen Staat. Die zahlreichen Godorde standen
unter sich in keiner Rechtsverbindung; als völlig selbständige und
von einander unabhängige Gemeinden konnten sie wohl zu Funda-
menten eines werdenden Staates dienen, nicht für sich schon als
Staaten gelten. Ums Jahr930aber kam ein gemeines Land-
recht für die Insel — von dem Verfasser des Rechtsbuchs Ulfljots
Log genannt — und ein gemeinsames Ding, das Allding,
zu Stande. Die Zusammensetzung des Alldingö ist nicht ganz klar.
So erschienen aus der großen Volksversammlung die Goden und
wenigstens ein Theil ihrer freien Dingleute, und daneben wurde ein
Ausschuß, vermuthlich die Lbgretta genannt, gebildet, der so-
wohl gesetzgeberische als richterliche Functionen ausübte.
Wahrscheinlich bereitete er die Gesetze vor, die dann dem Allding
als der höchsten Autorität des Landes, zur Annahme vorgelegt
wurden; denn daß der Ausschuß ursprünglich als der eigentliche
Gesetzgeber die größere Landsgemeinde verdrängt und ersetzt habe,
ist nicht wohl anzunehmen. Die richterliche Thätigkeit dagegen
konnte eher von Anfang an dem Ausschuß vorzugsweise überlassen
werden. Maurer schließt daraus, daß in Norwegen die königlichen
Beamten nicht selbst in der Lögretta Sitz und Stimme hatten,
sondern nur die Mitglieder derselben aus den zum Ding gekom-
menen Bauern erwählten, aus eine ähnliche Einrichtung in Island,
und nimmt an, den Goden sey kein persönlicher Sitz in der Lögretta
eingeräumt gewesen, wohl aber haben sie die Mitglieder derselben
ernannt. Allein in Norwegen wird der Ausschluß der königlichen
Beamten damit begründet, daß dieselben „Lehnsleute" seyen,
ohne besondere Erlaubniß der Bauern aber kein Lehensmann in der
Lögretta sitzen dürfe. Dieser Grund fällt für Island weg, und
es erscheint daher jene Schlußfolgerung aus Analogie sehr bedenk-
lich. Sehen wir aber auf den natürlichen Zusammenhang der
politischen Verhältnisse, so ist schwer zu glauben, daß die Goden,
auf deren Einigung doch die ganze neue Gesammtversassung vor-
nehmlich beruht hat, zu einer Einrichtung zugestimmt hätten, welche
sie von der Einleitung und Vorberathung der neuen Gesetze aus-
geschlossen haben würde. Je größer die Befugnisse der Lögretta
gedacht werden, desto unwahrscheinlicher ist eine solche Verzicht-
leistung aus persönliche Theilnahme. Wir dürfen daher um so eher

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