Full text: Volume (Bd. 4 (1857))

378 Zum Säcularfest des Codex Maximil. bav. civ. rc.
können. — In ähnlicher Weise bezeichnet der Coder die auetori-
tatis interpositio im römischen Sinn des Wortes, — bekanntlich
der Angelpunkt des römischen Unterschieds von Tutel und Cura
— als dem hiesigen Landesgebrauch nicht gemäß; er erkennt an,
daß der Tutor auch abwesend seine Autorität interponiren kann,
und daß die minderjährigen puberes den Pupillen und vogtbaren
Personen in allen Stücken gleichstehen; nichtsdestoweniger ist
aber der ganzen Lehre von der Altersvormundschaft der Unterschied
von tutela und oura vorangestellt. — In der Darstellung des
Obligationenrechts hält sich Kreittmayr so ängstlich an die Scha-
blone des römischen Rechts, daß selbst die Rubrik der contractus
verbales, des contractus literalis oder chirographarius nicht über-
gangen ist u. s. w. —
Die dem römischen Recht entnommenen Rechtsregeln sodann
trägt der Coder selbstverständlich in der Fassung vor, welche ihnen
die damalige Doctrin und Praxis gegeben hatte. Die neuere
Wissenschaft hat aber fast in allen Lehren die ältere Auffassung
vielfach geläutert und berichtigt, und so stoßen wir beinahe in jedem
Paragraphen auf den einen oder anderen Satz, den die heutige
Theorie als mangelhaft gefaßt oder auch geradezu als irrig be-
zeichnet. Beispielsweise sey auf die Darstellung der Lehre von
der Mora und Culpa, von der Verjährung der Servituten, von
der Klagverjährung, von der unvordenklichen Zeit, von der Collation,
von der Berechnung der Legitima u. s. w. verwiesen.
Endlich tritt uns eine weitere Schwäche des Codex in seiner
Behandlung der deutschrechtlichen Institute entgegen. Hier ver-
missen wir fast durchaus das Vermögen begrifflicher Gestaltung, und
nehmen Anstoß an den unpassenden Analogien römischer Rechts-
begriffe, unter welche die deutschen Institute mit völliger Verken-
nung ihres wahren juristischen Wesens eingezwängt werden. Man
vergleiche beispielsweise die Darstellung der Reallasten und die
Andeutungen über die Gütergemeinschaften.
Indem wir hiemit auf die Mängel und Schwächen des Coder rück-
haltslos Hinweisen, müssen wir gleichwohl unsere Ueberzeugung
dahin aussprechen, daß sie alle zusammen nicht von der Art sind,
um für sich allein eine neue Codification des Civilrechts als drin-
gendes Bedürfniß erscheinen zu lassen. Vorausgesetzt, daß die Spe-
cialgesetzgebung, welcher unser civiler Rechtszustand schon bisher so

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