Full text: Volume (Bd. 4 (1857))

Dr Karl Levita — Das Recht der Nothwehr re. 141
an daS ältere anknüpft, indem die Gesetzgebung, alle theore-
tische Ausführlichkeit abweisend, sich auf die schlichte Anerkennung
des Princips beschränkt — und indem die Doctrin die fremdar-
tigen und willkürlichen Beschränkungen der Nothwehr nach und
nach wieder ausstößt. Es wird gezeigt, wie alle Versuche der
älteren Doctrin und Legislation, solche Schranken für die Selbst-
vertheidigung zu setzen, sich nicht nur wegen ihres Widerspruches
mit dem Rechte der Persönlichkeit als theoretisch unhaltbar, son-
dern auch wegen der Eigenartigkeit des Nothwehrfalles als praktisch
undurchführbar erwiesen haben.
Nothwehr ist das Recht der mit einer Verletzung der Rechte
des Angreifers verbundenen Selbstvertheidigung im Falle der
Roth, — oder m. a. W. das dem Individuum gegen drohendes,
durch die Macht des Staates nicht abwendbares Unrecht zuste-
hende Recht der Vertheidigung zu seinem eigenen oder zum Schutze
eines Dritten. Der Rechtsgrund der N., wie der der Strafe,
liegt in der Nichtigkeit des Unrechts. Die Nothwehr ist ebenso noth-
wendig, wie die Strafe, steht aber zu dieser im Verhältniß einer
Ergänzung, indem sie auf die Fälle beschränkt ist, wo der Staat
dem Unrechte nicht Vorbeugen kann. Innerhalb dieser Gränze die
Nothwehr nicht als Recht anerkennen, hieße das Unrecht sanctioniren.
Aus diesem Begriffe der Nothwehr ergeben sich deren Bedingungen
oder Voraussetzungen von selbst. Es ergibt sich daraus (nach
der Anordnung des Verfassers) fürs erste, daß der Angriff
nicht als gleichbedeutend mit Verbrechen aufgefaßt werden dürfe.
Der Angriff muß zwar ein erst und zwar unmittelbar bevorste-
hender (oder gegenwärtiger) seyn, weil gegen einen vergangenen
keine Vertheidigung mehr möglich ist; aber der Moment, wo die
Zulässigkeit der Nothwehr aufhört, fällt nicht mit dem Momente
zusammen, wo Angriffshandlung bereits das juristisch vollen-
dete Verbrechen darstellt; auch da, wo diese als Verbrechen juristisch
schon vollendet ist, kan» Nothwehr noch zulässig seyn, nämlich solange
der Angriff factisch noch nicht beendiget. Der Diebstahl ist durch
die oontrevtstio juristisch vollendet; gleichwohl findet Nothwehr auch
gegen den fliehenden Dieb statt. Mit der Verwandlung deS An-
griffs in einen Rechtsbegriff hängt auch der Jrrthum zusammen,
als sey gegen symbolische und Verbalinjurien Nothwehr nicht
denkbar. (S. 181 — 184).

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