Full text: Volume (Bd. 4 (1857))

426 Juristische Zeitschriften in Oesterreich.
Augen entwickelten lebendigen Procedur zu schöpfen in der Lage
war, sie wird aber auch das lebhafte Interesse begreifen, wel-
ches die dabei betheiligten Organe fähig machte, mit unläugbarer
Gewandtheit sich der neuen Formen schnell zu bemeistern und sich
in denselben sicher zu bewegen.
Ein modificirtes Gesammtbild bieten nun die neuen Gerichts-
Institutionen in der gegenwärtig durchgeführten veränderten Gestalt dar.
Ihre bedeutsamste Eigenschaft liegt in dem Gedanken, den ste aus
der ersten Organisirung empfangen haben, den die neueste Zeit
allmählich verwirklicht hat, sie liegt in ihrer Geltung auf dem Ge-
biete der ganzen Monarchie. 'Sie sind durch diese Eigenschaft nicht
die unwichtigsten Träger der Reichseinheit geworden, deren Be-
wußtseyn und Gefühl kaum durch irgend etwas anderes mächtiger
unterstützt wird, als durch diese Gemeinsamkeit des Rechts und
der Gerichte. Im übrigen läßt sich das Gepräge des neuesten
Organismus dahin zusammenfassen: im Civilrecht und Proceß
ist die Josephinische und Franzisceische Gesetzgebung auf das ganze
Reich ausgedehnt; im Strafrechte sind die Principien der Mündlichkeit,
Oeffentlichkeit und des Anklage-Systems zwar erhalten, jedoch keines
ohne Verminderung. Die Mündlichkeit ist auf die ersten Instan-
zen beschränkt, die Oeffentlichkeit ist halb, und das Anklage-Prin-
cip bedingt. Der Cassationshof hat der dritten Instanz Platz ge-
macht, und sowohl sie als die zweite Instanz urtheilt aus den
Acten und bestätigt zuweilen, ändert aber auch daS Urtheil, wel-
ches von demjenigen Richter gefällt wurde, vor dessen Augen der
Angeklagte erschien. Der Richter urtheilt zwar auf Grundlage
seiner Ueberzeugung, doch ist er gebunden durch das V.orhandenseyn
eines gesetzlichen Beweis-Schema; diese Ueberzeugung des ersten
Richters, die er aus der Anschauung schöpft, ebenso wie die
Meinung über das Vorhandenseyn des formellen Beweises wird
. von der zweiten und dritten Instanz der Prüfung und Verbesser-
ung unterzogen ohne eigene Anschauung, nur aus den Acten. —
Diesem veränderten Gesammtbilde gemäß hat sich denn auch
die Gerichtszeitung anders gestaltet als sie in den ersten Jahren war,
und diese Gestalt ist es, in der wir sie gegenwärtig auf ihr ju-
ristisches Publicum wirken sehen, in der Absicht und im Bestreben
durch eine gemeinsame Doctrin und eine sich wechselseitig contro-

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