Full text: Volume (Bd. 4 (1857))

124 Juristische Zeitschriften in Oesterreich.
Reiche vor kurzem sowohl der Gerichts-Organismus, alS auch
die Gesetzgebung eine tiefgreifende Umgestaltung erfahren hat. Ein
solcher gewaltiger Proeeß, der die Geister bis in den tiefsten Grund
bewegt, bringt neue literarische Bedürfnisse zum Vorschein; und
wenn gleich gelehrte Werke, die einen größeren Gegenstand er-
schöpfen und auf ruhiges Studium berechnet find, für den wissen-
schaftlichen Juristen immer unentbehrlich bleiben, so sind es dock
in solchen Zeiten der Reform nicht sie, welche jenem neuen Be-
dürfnissen genügen können. Es bedarf eines rascheren Vermittlers
der Gedanken, und den Dienst eines solchen vermögen nicht ein-
mal Monat-Schriften zu leisten — die Jurisprudenz baut sich
unwiderstehlich zur Versammlung und zur Erörterung ein Haus in
der Tagesliteratur. So ging es auch in Oesterreich. Bald
nach dem Eintritte des Umschwunges in seinem Nechtswesen
tauchten Zeitungen auf, und zogen die Fragen über Auffassung
und Anwendung der zum großen Theile neuen Gesetzgebung,
deren Principien und besondere Bestimmungen in ihr Gebiet,
theilten die Urtheilssprüche der Instanzen mit und gaben Finger-
zeige, in welches Verhältniß zu einander Praxis und Theorie sich
stellen sollen. Sie leisteten aber nicht nur das, sondern gaben auch
ein Bild davon, wie die neuen Formen gehandhabt werden,
sie schilderten die Theilnahme der einzelnen Organe an dem ge-
meinsamen Werke, die Lebendigkeit und den Eifer, womit sie das
Gesetz in Ausführung brachten, sie zeigten die abstracten Regeln
des Gesetzes mit Fleisch und Bein des wirklichen Lebens ausge-
füllt, und die Belehrung war um 'so fördernder, da sie personifieirt
und individualisirt sich der klaren Anschauung aufdrängte.
Dadurch erlangten die periodischen Organe der Rechtspflege eine eigen-
thümliche Bedeutung, welche es wohl rechtfertigt, daß wir unfern Blick
aufihre Leistungen lenken und sie übersichtlich zu charakterisiren suchen.
Vor allen anderen gedenken wir, wie billig, der in Wien erscheinenden
Allgemeinen österreichischen Gerichtszeitung.
Sie erscheint seit September 1850 und füllt bereits sechs Quart-
Bände. Eingeleitet wurde sie mit folgenden Worten:
„Die österr. Rechtspflege ist mit 1 Juli 1850 bei dem ent-
scheidendsten Wendepunkte ihrer Umgestaltung angelangt. Das alte
Gerichtswesen, ein morscher Ueberrest der überwundenen Epoche
allgemeinen Verfalls, wird beseitigt, und ein neuer Bau steigt em-

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