Full text: Volume (Bd. 2 (1855))

Jur neuesten Codification des Strafrechts.

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es überläßt also die Würdigung der Frage, welche Gewalt und
welche Drohung die Willensfreiheit ausschließen soll, der Be-
urtheilung des Richters. Die beiden Entwürfe geben dagegen jene
genauere Bestimmung wieder, welche seit dem bayer. StGB.,
Art. 121 Nro. 7 und 8, in alle neueren Strafgesetzbücher über-
gegangen *) sind. Der sächs. E. (Art. 88) stellt hiebei die Be-
drohung der'Angehörigen der eigenen gleich. Der bayer. Entw.
(Art. 62) hat diesen unbestimmten Begriff vermeiden und jene
Gleichstellung auf die Descendenten und Ascendenten, Geschwister
und Ehegatten beschränken zu müssen geglaubt.
k. Der Nothstand.
Eine besondere Bestimmung über den Nochstand und dessen
Einfluß auf die Zurechnung hatte aus der neueren Doctrin zuerst
der bayerische Entwurf v. I. 1822 Art. 85 und nach ihm alle
neueren Strafgesetzbücher ausgenommen. Auch in den beiden uns
vorliegenden Entwürfen wird der Nothstand oder die ächte Noch
wieder besonders erwähnt und dem Zwange gleichgestellt, während
das preuß. StGB, den Satz der früheren Entwürfe wegen der
geringen praktischen Bedeutung desselben aufgegeben hat. Muß
aber auch diese letztere zugestanden werden, so werden doch die
Richter vorkommenden Falls sich gerne auf eine ausdrückliche
gesetzliche Norm stützen, und so mögen jene Artikel der Entwürfe
immerhin ihren Platz behaupten. — Der fremde Nothstand be-

i) Mit Unrecht wird in den schätzbaren Beitragen zur vergleichen-
den Crim.-Ges.-Geb. von Dr. Trümmer (Archiv des Crim-R. N. F.Iahrg.
185) S. 123) der bayerische Entw. v. Z. 1822 im Art?. 73 als Quelle
jener Aufstellung bezeichnet. — Es mag ans diesem Aulasse die all-.
gemeine Bemerkung gestattet seyn, daß das bayerische Strafgesetzbuch,
welches von jeher von Seite solcher, welche dasselbe nicht in seinem
Systeme erfaßt hatten, vielfachen und groben Mißverständnissen aus-
gefetzt war, in neuester Zeit in manchen Arbeiten vergleichender Juris-
prudenz völlig ignorirt werden will. Und doch ist es in der Thal die
Hauptquelle, aus welcher alle «eueren Gesetzbücher bis auf das preußische
v. I. 1851 vorzugsweise geschöpft haben! sts ist daher unter andern
auch ein unwissenschaftliches Verfahren, wenn man die Reihe der
neueren Criminalgesetzbücher mit dem sächs. oder würkemb. Criminal-
Gesetzbuche beginnen läßt, und das neuere Strafgesetzbuch p»r exeellemr«
als nicht vorhanden ansieht.

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