Full text: Volume (Bd. 2 (1855))

78 Zur neuesten Sodification des Strafrechts.
bayer. Entw. (Art. 57, alt 67) hält das gemeinrechtliche System
fest mit Erstreckung der absolute« Strafunmündigkeitsgränze -iS
zum ILten Lebensjahre.
Hier möge zuvörderst bemerkt feyn, daß bei der Fassung des
Art. 57 des bayer. Entw. eine wohlbegründete Bemerkung des
Ausschußreftrenten (S. 370 des Reftrats) nicht beachtet scheint.
Es ist ganS in der OrdnMg, tvenn der Art. 57 erklärt, daß gegen
Kinder, welche zur Zeit der Begehung der Thal das 12te Lebens-
jahr noch nicht zurückgekegt haben, eine gerichtliche Verfolgung und
Bestrafung wegen Verbrechen und Vergehen nicht stattsinden
soll. Es ist aber ungenau, wenn der Abs. 2 des bezeichneten
Artikels fortsichrt: „Das nämliche gilt von Personen, welche
zwar das 12te aber noch nicht das 16te Jahr zurückgelegt haben,
wenn ihnen die zur Unterscheidung der Strafbarkeit ihrer Hand-
lung erforderliche Ausbildung noch gänzlich fehlt/ Denn gegen
die zuletzt genannten Personen ist eine Untersuchung allerdings zu-
lässig, ja nothwendig, weil die Würdigung der Umstände der That
unentbehrlich ist, um festzustellen ob sie die zur Erkenntniß der
Strafbarkeit ihrer Handlung erforderliche Reife und Unterscheidungs-
kraft besessen haben oder nicht. — Dasselbe gilt von der Fassung
des Art. 58. Auch dem Taubstummen gegenüber muß erst
die gerichtliche Untersuchung Herausstellen, ob derselbe jenen Grad
von Ausbildung, durch welchen die Annahme der Zurechnungs-
fähigkeit bedingt ist, besessen habe oder nicht. Es wäre demgemäß
der Abs. 2 des Art. 57 etwa so zu ändern: „Personen,
welche zwar das zwölfte, aber noch nicht das fechszehnte Jahr
zurückgelegt haben, sind nur dann straflos, wenn ihnen die
zur Unterscheidung der Strafbarkeit erforderliche Ausbildung noch
gänzlich fehlt." Und der Art. 58 müßte sich etwa in folgender
Fassung anreihen: „Die Bestimmung des Art. 57 Abs. 2 kömmt
auch hinsichtlich der Taubstummen zur Anwendung."
Hievon abgesehen, so scheint das Svstem des bayer. Entwurfs
am meisten dem zu entsprechen, was Gerechtigkeit und Humanität
fordern. Daß Knaben und Mädchen unter zwölf Jahren einer
öffentlichen Strafe unterworfen werden, ist wenigstens in der
neuem deutschen Praxis unerhört, nicht minder einleuchtend sind
aber dir Gründe, welche die Verschonung solcher Personen mit
einer förmlichen Untersuchung und mit dem Anklagestände räthlich

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