Full text: Volume (Bd. 2 (1855))

350 Die neuesten Leistungen aus dem Gebiet der Geschichte
die Cultur des Rechts war. Die Rechtsbegriffe treten unS hier
als plastische Gestalten entgegen, und das Medium dieser herr-
lichen Erscheinung ist eben daS römische Proceßverfahren, welches
daher auch gar nicht als bloße Form, als bloßeS Gefäß erscheint,
sondern selbst wiederum auf den Stoff einwirkend. Wir find hier
recht eigentlich in der Werkstätte deö Geistes der Weltgeschichte
und können sein Wirken beinahe sinnlich wahrnehmen. Das ver-
leiht denn dem Studium des römischen Proceffes einen ganz un-
vergleichlichen Reiz, einen Reiz, der sich natürlich steigert, wenn
uns ein Meister, wie Keller, der eben jenes antike Formtalent
sich selbst zu eigen gemacht, bei der Betrachtung dieser unverwüst-
lichen Gebilde als Führer dient. In der That sind hier alle bis-
herigen Versuche der Darstellung des römischen Proceßverfahrens
weit übertroffen; wir bekommen zum erstenmale ein recht anschau-
liches, zusammenhängendes und lebensvolles Bild dieses Verfahrens,
und zwar gilt dieß ganz besonders von der Darstellung der legis
actio, mit welcher unser Capitel beginnt, während die bisherigen
Darstellungen gerade dieser Partie sämmtlich einen fragmentarischen
Charakter und das Aussehen einer tobten Masse hatten.
Da nun eine richtige Einsicht in den Legisactionenproceß die
Grundbedingung ist für ein richtiges Verständniß sowohl des ge-
summten römischen Proceffes als für die Rechtsbildung gerade der
betreffenden Periode, so bedarf es keiner Rechtfertigung, wenn wir
die principiell wichtigen Punkte des Legisactionenprocesses näher
betrachten; eine Betrachtung, die um so nothwendiger ist als ge-
rade in den wichtigsten Punkten die Keller'sche Lehre neuestens
lebhaft angegriffen worden ist.
Der §. 12. handelt von der legis actio im Ganzen, deren Wesen
sehr gut auseinandergesetzt wird. Der Name wird mit Recht
daraus erklärt, „weil jene Formulare den Gesetzen, wie solche die
Rechte nach Umfang , Grund und Folge ordneten, so genau als
möglich nachgebildet waren, nicht aber deßwegen, weil sie selbst
durch Gesetze wörtlich vorgeschrieben gewesen wären, wie durch
das Edivt die späteren formulae, obwohl Gajus diese beiden Er-
klärungen zur Auswahl nebeneinander stellt. Dieses zuletzt über
Gaius Gesagte scheint nun nicht ganz richtig zu seyn. ES sinh
nämlich die Worte deS Gajuö (IV. 11,): „Actiones, quas in usu
veteres habuerunt, legis actiones appellabantur, vel ideo quod

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