Full text: Volume (Bd. 2 (1855))

Einleitung.

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Zeitpunkte des Eigenthumsüberganges beim handelsrechtlichen Kaufte
Jene Erscheinung ist um so auffallender, alS sich doch in det
Handelswelt darüber ein feststehender Gebrauch gebildet hat, und
als sich ferner jener Frage eine große praktische Bedeutung nicht
absprechen läßt. Diese ihre Bedeutung hat sie besonders durch
die Art und Ausdehnung des heutigen Handels erlangt, wo z. B.
die Waare, so oft noch unterwegs schwebend, von dem ersten Käufer

falls nichts anderes als die herkömmliche Auslegung des Willens der
Cvntrahenten, nicht ein neues juristisches Princip. Unentbehrlich für
jede eigentliche traditio ist und bkeidt der thatsächliche Besitzesübergang,
der sich nicht durch Symbole ersetzen, der aber wohl durch Stellvertre-
tung sich vermitteln läßt. Die freie Stellvertretung hilft uns denn
auch hier über die Schwierigkeiten weg, dje einer traditio in der Ferne
im Wege stehen. Es ist allgemein anerkannt, daß die Uebergabe einer
an fremdem Orte liegenden Waare au den hier wohnenden Käufer daun
sofort vollzogen worden sey, wenn der Verkäufer sie einem bevollmächtig-
ten Stellvertreter des Käufers übergeben habe, und es kann wohl —
ungeachtet das im Handelsverkehr nicht gewöhnlich geschieht — der
Käufer einen bestimmten Spediteur oder Fuhrmann ermächtigt haben,
für ihn die Waare an fremdem Orte in Empfang zu nehmen. Dann
bedarf es natürlich der Factur nicht zur traditio. Der häufigere Fall
ist aber der, daß der Kaufet keinen Stellvertreter ernannt hat, der für
ihn empfange, sondern es deck Verkäufer überläßt, den Spediteur oder
Fuhrmann zu bezeichnen, der ihm die Waare übersende oder überbringe.
In diesen Fällen ist allerdings die Uebergabe an den Käufer noch nicht
in dem Moment vollzogen, in welchem der Spediteur die verpackte
Waare zur Versendung oder der Fuhrmann zum Transport übernimmt,
weil beide vorerst ni^t Stellverireter des Käufers, sondern Mandatare
des Verkäufers sind. Aber wenn der Käufer die Factur empfängt unb
keinen Widerspruch erhebt, so kann darin nach kaufmännisches Uebutt-
liegen, daß er nun den in der Factur genannten Spediteur oder Fuhr"
mann auch als seinen Stellvertreter anerkenne: wie denn in Wahrheit
Spediteure und Fuhrleute ganz gewöhnlich in doppelter Eigenschaft
hMeln, zunächst als Stellvertreter der Verkäufer, dann als Stellver-
treter der Käufer. Da dieselben von Anfang an geneigt waren auch
für den Empfänger zu handeln, dessen Adresse sie agnahmen, so bedarf
es von ihrer Seite keiner weiterst Willensäußerung, sobald daher der
Käufer sie als Stellvertreter anerkannt hat — und wir wiederholen,
die stillschweigende Annahme der Factur kann im Verkehr diesen Sinn
bekommen haben — so ist durch sie die traditio vollzogen, ganz wie Ln
dem früheren Falle, wo von Anfang an durch sie für den Käufer Besitz
ergriffen worden ist. B.

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