Full text: Volume (Bd. 2 (1855))

261

Ueber den Begriff der Autonomie.
werden wollte, und daß somit, von Hrn. G.'s Standpunkt aus
gesprochen, jene angeblich vom Adel fortwährend behauptete weitere
Dispositionsfreiheit auch für ihn als ausgeschlossen gelten mußte;
will man demnach nicht den ganzen geschichtlichen Vorgang auf
lauter Jrrthümer und Verstöße der älteren Juristen wie Nicht-
juristen zurückführen, so bleibt auch hier noch immer die Frage
offen, wie und warum es ausnahmsweise dem hohen Adel ge-
lungen sey, im Widerspruche mit dem römischen Rechte sich jene
frühere Disposttionsfreiheit zu erhalten, und der Hr. Vers, hat
nichts gethan diese Frage zu beantworten. *)
Faßt man endlich das Recht der Gegenwart ins Auge, und
prüft man, wiefern für dieses dem Begriff der Antonomie noch
praktische Bedeutung zukomme, so ist vor allem klar, daß selbst
dann, wenn zur Zeit nirgends mehr Selbstgesetzgebung geübt
würde, doch schon darum jener Begriff noch immer ein praktischer
genannt und als solcher wissenschaftlich erörtert werden müßte,
weil Producte der in früherer Zeit geübten Autonomie sehr vielfach
noch in Geltung sind, und somit die Wirkungen dieser letzteren
sich ganz entschieden noch auf das Recht unserer Gegenwart er-

*) Im Obigen treten wir auch der von Wilda in seinem trefflichen
Aufsatze über die Autonomie (Weiske's Rechtslerikon, Bd. I) auf-
gestellten Ansicht insoweit entgegen, als derselbe beim hohen Adel nur
eine Erweiterung der Privatdispositionsfähigkeit annehmen, und diesem
nur das Recht zugestehen will, die Anwendung von Rechtsgrundsatzen
auszutchließen, denen sich Privaten durch ihre Dispositionen sonst nicht
entziehen können. Uns scheint damit eine Reihe von Bestimmungen
nicht erklärt, die sich in den adeligen Hausgesetzen zu finden pflegt,
z. B. die abnorme Regelung des Mündigkeitstermines, Vorschriften
über die Ehen der Familienglieder und insbesondere über Mißheirathen
und Ehen zur linken Hand, u. s. w., so gerne wir zugeben, daß in
anderen und zahlreicheren Fällen die obige Erklärungsweise ausreicht.
Das, wenn auch unklare, Gefühl des Selbstgesetzgebungsrechtes der
adeligen Häuter scheint uns ferner auch die Möglichkeit dieser letzteren
Gestaltungen bedingt zu haben. Darin sind wir aber mit Wilda völlig
einverstanden, daß die adelige Autonomie nicht aus den angeblich
höheren Rechten des deutschen Familienvaters abgeleitet werden dürfe;
nicht die monarchische Bildung der Familie im engeren Sinne, sondern
die genossenschaftliche der Gesammtverwandtschaft ist jenem Rechte z«
Grunde zu legen.

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