Full text: Volume (Bd. 2 (1855))

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Heber den Begriff der Autonomie.

römischen Rechts, so ist es natürlich durchaus richtig , nur freilich
nicht eben neu, wenn Hr G. das deutsche Recht jener Zeit als
ein größtentheils ungeschriebenes bezeichnet. Die innige Verbin-
dung des Rechts mit der Sitte, dessen vorzugsweises Hervortreten
in einzelnen freien Handlungen, ist damit von selbst ausgesprochen,
und ebenso das Fehlen jedes Zuges nach Formulirung des Rechts,
wenn man anderseits hierunter nur so viel verstehen will, daß
einerseits das Bedürfniß nach legislativer Feststellung des Rechts
dem deutschen Mittelalter fern gelegen habe, und andererseits das
Rechtsgefühl im Volke ein unbewußtes gewesen und noch nicht
zum Nachdenken über sich selbst gekommen sey; in allen diesen
Sätzen ist nichts gesagt, was nicht von jeder vorzugweise gewohn-
heitsrechtlichen Rechtsbildung zu gelten hätte. Wenn aber der
Hr. Vers, weiter gehen und behaupten will, daß es dem älteren
deutschen Rechte an festen, wenn auch dem Volke selbst noch nicht
zu klarem Bewußtseyn gekommenen Rechtssätzen überhaupt gefehlt
habe, daß demselben insbesondere der Unterschied zwischen Recht
und Sitte, wenn auch als ein unbewußter, fremd gewesen sey,
so muß gegen eine solche Behauptung der entschiedenste Wider-
spruch eingelegt werden. Wie in der älteren Sprache oder in
den modernen Volksmundarten die strengste Regel waltet, obwohl
sie vom Volke nur unbewußt gehandhabt, nicht zu klarer Erkennt-
niß ihrer selbst gebracht wird, so ist auch im Gewohnheitsrechte
überhaupt und in dem des deutschen Mittelalters insbesondere die
Festigkeit der einzelnen Rechtssätze darum nicht minder vorhanden,
weil ihnen unbewußt und ohne Reflexion über ihre Existenz und
Fassung nachgelebt wird. Eine gegentheilige Annahme würde den
Begriff deS Gewohnheitsrechtes selbst aufheben, dessen wesentliches
Merkmal ja gerade in der Unmittelbarkeit und Unbewußtheit deS
Rechtsgefühles zu suchen ist. Haben wir Hrn. G's. Worte, was
bei deren völlig unpräciser Fassung allerdings problematisch bleibt,
richtig aufgefaßt, so behauptet derselbe ferner, worauf auch bereits
frühere Aeußerungen desselben Hinweisen, *) daß die ältere deutsche
Rechtsordnung mit der Mannichfaltigkeit der thatsächlichen Zustände
im Privatverkehr in keiner wesentlichen Verbindung stehe, und

*) Vgl. z. B. §. 72 und 73 seines Systems des deutschen Privat-
rechts, und die Vorrede zur zweiten Auflage dieses Werkes.

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