Full text: Volume (Bd. 2 (1855))

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Heber den Begriff der Autonomie.

klärung seines Verhältnisses zu den allgemeinen Grundsätzen der
Lehre von der Rechlserzeugung radical beseitigt; so anerkennens-
werthe Vortheile hiernach die vom Hrn. Vers, vorgeschlagene Lösung
der Frage vom Standpunkt der Bequemlichkeit aus betrachtet
bietet, so soll inzwischen dennoch, da dieser Standpunkt in wissen-
schaftlichen Dingen nicht der vorzugsweise berechtigte scheint, hier
nochmals der Versuch gewagt werden, ob sich der Knoten nicht
statt durchhauen entwirren lasse, und ob der in ihren Wurzeln
angegriffenen bisherigen Lehre nicht, vorbehaltlich mancher Ein-
schränkungen im Einzelnen, ihre Berechtigung zu vindiciren sey.
Es sucht aber Hr. G. in gesonderter Darstellung nachzuweisen,
daß weder beim hohen Adel, beziehungsweise der Reichsritterschaft,
noch bei den Gemeinden und anderen Corporationen, noch endlich
bei den Behörden von einer Autonomie als eigenthümlicher Rechts-
quelle die Rede seyn könne. Im deutschen Mittelalter sey das
Privatrecht „größtentheils ein ungeschriebenes" gewesen, „innig
verbunden mit der Sitte," und ohne einen erkennbaren „Zug nach
einer Formulirung zu Rechtssätzen." Demgemäß sey der Inhalt
der einzelnen Handlungen im Privatverkehre wenn auch nicht ein
absolut willkürlicher gewesen, so doch meist „nicht in so ferne ein
rechtlicher als er lediglich die Natur der Ausführung eines be-
stehenden und der willkürlichen Gestaltung entzogenen Rechts-
institutes gehabt hätte, sondern er war noch jene flüssige Substanz,
die sich höchstens als ein in den socialen und sittlichen Zuständen
der Zeit liegendes Motiv erfassen läßt, und seine juristische Form
immer erst durch die Firirung in einem einzelnen urkundlichen
Rechtsgeschäfte erwartet." Daher soll nicht „die Gemeinsamkeit
eines entwickelten Rechtsbewußtseyns," sondern nur „eine Ueberein-
stimmung in der Sitte und in den socialen Grundlagen des
Lebens" das geringe Maß von Begrifflichem und Regelmäßigem
in das ältere Recht gebracht haben, das in demselben zu erblicken
sey. Daher erkläre sich ferner der besondere Werth der Urkunden,
die nicht bloß sicherndes Beweismittel, sondern „in der That die
alleinige Lex des fraglichen Verhältnisses," und ebendarum auch
für uns die wichtigste Erkenntnißquelle seyen. Daher endlich die
Möglichkeit einer weit unbeschränkteren Disposition des begüterten
Freien über seine Liegenschaften als bei uns. Diese Eigenthüm-
lichkeit des mittelalterlichen Rechtslebens habe sich nun bis zur

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