Full text: Volume (Bd. 2 (1855))

Das absolute Recht. 127
maßen neu sind, das Wechselrecht, welches jetzt nicht mehr als
Standesrecht angesehen werden darf, das See- und Handelsrecht,
das Pfändungsrecht, das Recht der Actiengesellschaften, das
Verlags- und Autorrecht; fassen wir diejenigen Materien inS
Auge, welche die Wissenschaft fast ganz selbständig geschaffen hat:
die Lehre von der örtlichen Collision der Rechte, von den bürger-
lichen Ehen, von den juristischen Personen u. s. f., so wird man
sich der Ueberzeugung nicht verschließen können, daß wir auS dem
römischen Kleide durch eigene Kraft herausgewachsen sind und
dasselbe an allen Theilen gesprengt haben; wir werden nicht auf-
hören die Römer zu bewundern, aber wir werden ebensosehr über
die schöpferische Kraft unseres eigenen Geistes erstaunen. Folgen
wir dagegen unserem Verfasser, der in daS projectirte deutsche
Gesetzbuch das reine römische Recht und nur das römische Recht
ausgenommen wissen will, so müssen wir nicht nur unsere bis-
herigen eigenen Erzeugnisse über Bord werfen, sondern auch für
die Zukunft unS durch einen Act der Selbstentmannung zur ferneren
Production unfähig machen. —
Mit den gerügten Mängeln der Schrift hängen wohl einige
seltsame Widersprüche in derselben zusammen. Der Verfasser
macht der historischen Schule den Vorwurf, daß sie „in geschicht-
lich Untergegangenem das Absolute gefunden und sich mit Verläug-
nung des Geistes der eigenen unbegriffenen Gegenwart in die
Vergangenheit geflüchtet" habe. Sieht der Verfasser denn nicht,
daß er diese „Emigration in der Vergangenheit" bis zum Erceß
treibt? Savigny und seine Schüler erkennen doch an, daß das
römische Recht in einigen Stücken „modificirt" sey, der Verfasser aber
will ja nur römisches Recht zur Geltung kommen lassen (S. 259)
und erklärt selbst, daß er romanistischer sey als die Romanisten
S. VI. Er geht von der unbestreitbar richtigen Ansicht aus, daß
die Vermischung begabter Stämme und die Wanderungen der
Völker das wichtigste Culturelement seyen; er erwähnt selbst, daß
die neuere Zeit durch den „großartigsten MischungSproceß der
Völkerwanderung eine geistige Wiedergeburt" erfahren habe. S. 28.
Mußte sich ihm nun nicht die Ueberzeugung ausdrängen, daß auch
daS Recht durch diese Wiedergeburt verjüngt sey ? Gleichwohl ist ihm
nur das römische Recht das absolute, gleichwohl beschränkt er alles
Verdienst der späteren Zeit um das Recht auf „Formgebung" und

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