Full text: Volume (Bd. 2 (1855))

108 Zur neuesten Cobification des Strafrechts.
büßen?), ebenso die lebenslängliche Freiheitsstrafe mit jeder zeit-
lichen Freiheitsberaubung. Zeitliche Freiheitsstrafen scheinen zwar
ohne allen Anstand cumulabel, allein es ist dieß eben — auch
von den Schwierigkeiten der Strafverwandlung ganz abgesehen —
nur ein Schein. Eö liegt hier ein Fall vor, wo 2 X 2 nicht
— 4 ist. Das Leiden, welches die Freiheitsstrafe involvirt,
steigert sich durch die Verlängerung der letzteren nicht in einer-
arithmetischen, sondern in einer geometrischen Progression; zehn-
jähriges Zuchthaus ist eine härtere Strafe als zweimal fünf-
jähriges. Hat der Gesetzgeber bei seinen Strafsätzen nur die
einfache Dauer im Auge, so ist in der Verdopplung oder Ver-
dreifachung derselben mehr als die doppelte oder dreifache Strafe
enthalten.
Demgemäß haben sich denn auch jene Gesetzgebungen, welche
sich, wie neuerdings wieder das preuß. StGB., zu dem Cumu-
lationsprincipe bekennen, zu so erheblichen Beschränkungen desselben
genöthigt gesehen, daß damit in der That das Princip als auf-
gegeben erscheint. Indem das preuß. StGB. §. 57 bei der
Vereinigung mehrerer Freiheitsstrafen bestimmt, daß die Vereinigung
niemals die Dauer von zwanzig Jahren, und soferne nur Ver-
gehen vorliegen, niemals die von zehn Jahren überschreiten soll;
ferner, daß, wenn die in Vereinigung zu erkennenden Strafen ver-
schiedener Art sind, unter Verkürzung ihrer Gesammtdauer auf die
schwerste dieser Strafarten zu erkennen sey, wobei jedoch die
Gefängnißstrafe nie die Dauer von 10 Jahren übersteigen darf:
wird auf die Anwendung des Cumulationsprincipö gerade in den
schwereren Verbrechensfällen ganz und gar, und in den übrigen
insoferne verzichtet als ein Hinausgehen über jene Gränze ver-
anlaßt wäre; eö wird oft nur der erste und zweite, aber nicht der
dritte und vierte Reat zur Verbüßung gelangen.
Und dieser Vorwurf einer unvollständigen Durchführung des
PrincipS ist noch nach einer andern Seite hin begründet. Es
scheint vom Standpunkte des CumulationsprincipS nicht consequent,
wenn die absichtliche Verletzung verschiebtner Personen durch eine
und dieselbe Handlung als ideale Concurrenz behandelt wird, wie
dieß nach der Definiton dieser letzteren im §. 55 des Pr. StGB,
angenommen werden muß. Wer mehrere Personen durch dieselbe
Speise absichtlich vergiftet hat, steht seiner juristischen und moralischen

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