Full text: Volume (Bd. 2 (1855))

96 Zur neuesten Codtflcativn des Strafrechts.
weit gespannt, daß der Richter bei der Straffirirung innerhalb
desselben der eigenthümlichen Beschaffenheit des Falls nach allen
Seiten vollkommen gerecht werden kann.
Mit dieser Erweiterung des richterlichen Ermessens ist von
selbst auch die Wichtigkeit der Normen gewachsen, durch welche
der Gesetzgeber die allgemeine Leitung dieses Ermessens beabsichtigt.
Nach dem Vorgänge deö bayer. StGB, vom Jahr 1813,
Art. 90 f., welchem jedenfalls das Verdienst gebührt, den noch
im preuß. LR. verwischten Unterschied der Gründe, welche die
Strafzumessung innerhalb der gesetzlich gegebenen Gränzen leiten,
und der Gründe der Strafänderung scharf ausgeprägt zu haben,
haben alle neuern Gesetzbücher mit Ausnahme des sächs. CrGB.
einen allgemeinen Grundsatz über die Strafzumessung an die Spitze
gestellt und demselben eine mehr oder weniger detaillirte Aus-
führung gegeben.
Die Bedenken, welche diesem Systeme entgegenstehen, sind
am gründlichsten bei der Revision des preußischen Entw. hervor-
gehoben worden (Goltdammer, a. a. I. 395; Beseler S. 26).
ES läßt sich nicht verkennen, daß das Ermessen deS Richters
innerhalb der gesetzlichen Gränzen durch die besondern Umstände
der That geleitet werden müsse, und daß ihm die hiezu erforder-
lichen Anhaltpunkte die Doctrin, das Leben und der gesunde
Menschenverstand an die Hand geben werden, und sowenig sich dem
Arzte durch Aufzählung aller möglichen Symptome von Krank-
heiten die richtige Methode für die Behandlung des einzelnen Falls
vorschreiben läßt, ebensowenig kann man dem Richter erkleckliche
Regeln für die Behandlung des moralisch juridischen Krankheits-
falls vorzeichnen. — Aus diesen Erwägungen hat das preuß.
StGB, nach dem Vorgänge des französischen Rechts ganz darauf
verzichtet die Strafzumessung durch allgemeine Sätze zu leiten, und
auch bei den einzelnen Verbrechen sucht man vergebens specielle
Strafzumeffungsnormen.
Jedenfalls wird man den Versuch einer casuistischen Specifi-
cation der einzelnen Strafzumessungsmomente aufgeben müssen; diese
wird weder vollständig noch erschöpfend ausfallen können; sie wird
dem Richter, welcher daS Rechte nicht schon ohnehin weiß und
will, von keinem Nutzen seyn, während auch die umsichtigste

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