Full text: Volume (Bd. 5 (1857))

Sonst und jetzt der Praxis des Civilprocesses. 67
und es die bestehenden Gesetze und Einrichtungen nur immer ge-
statten, die Bedürfnisse unseres Rechtslebens zu berücksichtigen
und durch eine freiere Handhabung der processualischen Formen
und eine auf materielle Rechtsprechung gerichtete Amtsthätigkeit
in ihrem Kreise zu befriedigen bestrebt sind.
Möchte die Gesetzgebung sich aufgefordert fühlen, hinter
diesem Vorgänge des Richteramtes nicht zurückzubleiben, da nur
sie im Stand und berufen ist, den vorhandenen so augenschein-
lichen und so tief eingreifenden Gebrechen auf wirksame Weise
abzuhelfen und so dem Richter, der jetzt in Folge des Formalis-
mus unserer Proceßgesetzgebung nur zu oft sich als Werkzeug der
Chicane mißbraucht sehen muß, die Freudigkeit in seinem Berufe
zurückzugeben.
Es ist neulich gegen die sofortige Reform der deutschen
Proceßgesetzgebung geltend gemacht worden: „Ein mündlich öffent-
licher Proceß auf Grundlage des in lateinischer Sprache geschrie-
benen römischen Rechtes mit all seinen Streitfragen und exege-
tischen Erörterungen ist eine eontrgciietio in adjecto, und würde
sicher eine außerordentliche Verschleppung der Processe herbei-
führen und eine bedeutende Vermehrung des Ricbterpersonals er-
fordern."
Nicht zu verkenneu ist, daß ein mündliches öffentliches Ver-
fahren mit einem einheimischen Civilgesetzbuch das bessere wäre
allein wollte man um deßwillen das Werk der Reform des Pro-
cesses aufschieben, so würde auch hier das Bessere der Feind des
Guten seyn.
Das Bedürfniß einer Reform des Verfahrens ist so dringend
daß mit der Befriedigung desselben bis zur Herstellung des bürger-
lichen Gesetzbuches nicht gewartet werden kann. Daß die Reform
des Verfahrens eine außerordentliche Verschleppung der Processe
herbeiführen und eine bedeutende Vermehrung deö RichterpersonalS
erfordern würde, ist geradezu unwahr; ec würde vielmehr das
Gegentheil eintreten. Nach unseren Erfahrungen ist die durchschnitt-
liche Dauer eines Processes, der in den beiden Stadien — Vorverfah-
ren und Beweisverfahren — die drei Instanzen durchlauft, auf
mindestens fünf Jahre anzuschlagen. Bei dem reformirten Ver-
fahren, wo die scharfe Trennung zwischen erstem und Beweis-
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