Full text: Volume (Bd. 5 (1857))

Zur Theorie der Obligationen auf den Inhaber. 899
So weit I he ring, dessen Auffassung kaum eine andere
Bedeutung als die der Originalität zugesprochen werden dürfte.
Denn hat dieser Schriftsteller zwar nur „den Kern seiner Ansicht"
angegeben, und dieselbe weder ausgesührt noch begründet, so dürfte
stch schon jetzt deren völlige Unhaltbarkeit Herausstellen.
Vorerst läßt sich nicht einsehen, warum der Erwerber eines
Papiers, in welchem der Aussteller dem Inhaber eine gegebene
Summe zu schulden bekennt, mit der Jnnehabung dieses Scheins
kein Forderungsrecht, sondern nur das rechtlich gesicherte Mittel
für die Begründung eines solchen erwerben sollte. Sowohl der In-
halt des Jnhaberpapiers als auch die Intention der mit solchen
Urkunden Verkehrenden weisen darauf hin, daß mit der Begebung
eines solchen Scheins, falls sie nicht etwa nullit momenti seyn
sollte, eine Obligation zu Gunsten des Nehmers begründet wird.
Warum aber ferner der Präsentation des Papiers die ihr
von IHering vindicirte Bedeutung zukommen soll, ist ebenso
unbegreiflich, da die Analogie der Erbschaftsantretung augenschein-
lich nicht paßt. Mit dieser letztem wird der Wille erklärt auf die
erfolgte Delation Erbe zu werden; der Wille Gläubiger zu seyn
dagegen ist offenbar schon beim Nehmen des Papiers vorhanden,
und wird durch dieses Nehmen kundgegeben, währenddem die Prä-
sentation , d. h. die Vorzeigung des Papiers ihrer Natur nach zu
andern Zwecken geschieht. — Daß es endlich praktisch ohne Ein-
fluß sey, ob man vor der Präsentation bereits eine Obligation
als vorhanden annehme oder nicht, ist eine Behauptung, die aus
einem gänzlichen Verkennen der hier in Betracht kommenden Ver-
hältnisse beruht. Denn einmal ist das Datum des für die Obli-
gation bestellten Pfandes, wie Jhering selbst zugibt, nicht der
Tag der Präsentation des Papiers, sondern der Tag der Aus-
stellung, während das Pfandrecht die Existenz einer Forderung
voraussetzt. Dann laufen bei verzinslichen Obligationen auf den
Inhaber die Zinsen vor der Präsentation, während Jhering's
Ansicht zur Annahme führt, es sey die Zinsforderung durch
die Präsentation des Zinscoupons begründet, bevor die zins-
tragende Obligation durch Vorzeigung des Hauptschuldscheins ent-
standen!

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