Full text: Volume (Bd. 5 (1857))

Das Beweisverfahren nach deutschen Rechten. 393
freilich in eigener Sache, vor Gericht vertretend; in einer Reihe
von Rechtsfällen aus der Zeit zunächst nach der Eroberung macht
sich bereits eine ähnliche Vertretung der Gemeinde geltend, wo es sich
um das Abgeben eines Zeugnisses handelt, und bei Glanvilla ist das
testimonium oder veredictum vicineti völlig ausgebildet vor-
handen, so daß sich die ersteren bestimmteren Spuren der jurata
unmittelbar an dasselbe anschließen; daß auch bei den Geschwornen
auf eigene Kenntniß von den zu erweisenden Thatsachen gesehen
wurde, daß bei ihnen dieselben Recusationen wie bei Zeugen, dann
auch bei falscher Aussage die Strafen wegen falschen Zeugnisses
eintraten, scheint die Kette der Beweisführung völlig zu schließen.
Dieß unsere Ansicht über die annoch obschwebende Meinungs-
verschiedenheit. Dieselbe geht, wie man sieht, von dem Satze aus,
daß ursprünglich für alle germanischen Stämme ein und dasselbe
Beweissystem gegolten habe, welches von dem Geschwornenwesen
nichts wußte; daß später erst bei den nordgermanischen Stämmen
und zwar bei jedem derselben selbständig, das Institut der Ge-
schwornen sich allmählich entwickelt habe, und zwar im Anschlüsse
an das Nachbarzeugniß, nicht an die Eideshülfe, während die süd-
germanischen Rechte, welchen ausnahmsweise auch das norwe-
gische sich anschließt, dem älteren System getreu blieben, und so-
mit höchstens unentwickelte Keime der gleichen Umgestaltung zeigen
mögen; daß endlich in der Normandie auf Grund der nordischen
Abkunft ihrer Bewohner das gleiche Institut von gleicher Wurzel
aus entstanden, und von hier aus im Gefolge der Eroberung Eng-
lands auf dieses letztere Reich übertragen worden sey. Wir er-
kennen übrigens unverhohlen an daß diese unsere Ansicht zur Zeit
noch mehr aus Vermuthungen, als auf erschöpfende Erforschung
des unendlich weitschichtigen Materiales sich gründe, und daß
dieselbe demzufolge Ln gar mancher Beziehung bei genauerer Prüfung
sich mangelhaft oder selbst unrichtig erweisen möge; eine endgül-
tige Erledigung der vielbesprochenen Frage scheint uns vor allem
eine bis in das geringste Detail herabgehende Durchmusterung und
Vergleichung der einzelnen nordischen Rechte zu erfordern, an
welcher es bis jetzt noch so gut wie völlig fehlt.

*) L. Henr. 48, §. 2 und 92, 5* 11.

K. Maurer.

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