Full text: Volume (Bd. 5 (1857))

392 Das Beweisverfahren nach deutschen Rechten.
u. dgl., und hat somit deren Aussage allerdings ein urtheilendes
Moment in sich *); von Anfang an ist endlich bei ihnen die Gränze
zwischen der Entscheidung der Rechts-und der Thatfrage am mindesten
scharf gezogen. Das Hervorgehen der Geschwornen aus der Gemeinde
oder Nachbarschaft kann zwar nicht als ein entscheidender Grund gegen
deren Herleitung aus der EideShülfe betrachtet werden, da auch
bei dieser ähnliches vorkommt, paßt aber wenigstens vortrefflich
zu deren Anknüpfung an das Erfahrungszeugniß, und der reprä-
sentative Charakter, vermöge dessen dieselben geradezu als patria
behandelt und bezeichnet werden mögen, findet ebendann seine na-
türliche Erklärung. Sehr erheblich scheint ferner eine Thatsache
auf welche neben Biener zumal Wilda'^) Gewicht legt, daß näm-
lich in bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten die Geschworenen weit früher
angewandt wurden als in Strafsachen, und daß Streitigkeiten
über Grundbesitz und Gemeindeverhältnisse den Ausgangspunkt für
ihre Competenz gebildet zu haben scheinen, also gerade diejenigen
Fälle in welchen ganz vorzugsweise das Nachbarzeugniß zur An-
wendung kam; beachtenswerth dürfte auch seyn daß im isländi-
schen Rechte, also gerade in dem Rechte welches unter den älteren
daS Gefchwornenwesen am konsequentesten und umfassendsten ent-
wickelt hat, das dem norwegischen Rechte bekannte ältere Nachbar-
zeugniß völlig verschwunden ist, so umfassender Gebrauch sonst von
dem nachbarschaftlichen Verbände zu gerichtlichen und anderen
Zwecken gemacht wird. Gerade in den normännisch-englischen
Rechten scheint sich der Uebergang aus dem Nachbarzeugnisse in
die Jury ganz besonders deutlich zu zeigen. In den LegestHenriei
I, welche ebensowenig als die Leges Edwardi Confessoris von
einem Geschwornengerichte wissen, sehen wir bereits durch den Eid
von zwölf ihrer besten Angehörigen den Comitat oder das Hundred,
4) Michelsen's Polemik gegen Biener (S. 161 — 6) beruht
wesentlich darauf daß die Eigenthümlichkeiten des Erfahrungszeug-
nisses gegenüber dem erwählten unbeachtet bleiben. Wenn Glan-
vtlla die Gründe der scientia die er von den Geschworenen for-
dert, darauf zurückführt, quod per proprium visum suum et audi-
tum illius rei habuerint notitiam, vel per verba patrum suorum, et
per talia quibus fidem teneantur habere ut propriis, so ist damit
nichts ausgesprochen, was nicht Wort für Wort ebenso auch von dem
alten Crfahrungszeugnisse gesagt werden könnte.
*) S. 257 - 8.

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