Full text: Volume (Bd. 5 (1857))

Moy, Grundlinien einer Philosophie des Rechts rc. 327
den Einfluß der christlichen Religion auch auf die moralische Läu-
terung und auf die Humanisirung des Rechts gering achten, aber
auch niemand der die Geschichte kennt, es zu läugnen wagen,
daß den heidnischen Römern ein noch größerer Antheil an der
Begründung und Vervollkommnung des Rechts zukomme als der
christlichen Religion, und daß die heutige Civilisation in rechtlicher
Beziehung in weit höherem Grade das Werk der weltlichen von
der religiösen Dogmatik ganz abstrahirenden Wissenschaft sey, als
der theologischen oder theologisirenden Doctrinen. Wir erinnern
daran , nicht um zu bestreiten daß nicht auch heute noch ein ein-
zelner Gelehrter das Recht von dem religiös-dogmatischen Stand-
punkte aus betrachten könne — dir Wahl seines Standpunktes
steht jedem Denker frei — sondern um den Zweifel dagegen zu
begründen, daß der katholische Standpunkt vorzüglich geeignet sey,
um den Grundplan des Rechts zu erkennen, und um überhaupt
auf den Unterschied zwischen Religion und Recht wie auf die ver-
schiedenen Wege des religösen Glaubens und des philosophischen
Denkens aufmerksam zu machen.
Es steht uns nicht an, zu beurtheilen, inwiefern der Verfasser
auf dem kirchlichen Standpunkt, den er gewählt hat, gehörig
orientirt sey, und ob seine Theorie mit der kirchlichen Lehre ui
voller Übereinstimmung sey oder nicht. Das ist eine kirchliche,
keine rechtswissenschaftliche Frage, die allein uns hier interessiren
kann. Wir halten unS ausschließlich an das Bild des Rechts,
das er von dort aus gezeichnet hat, und da können wir freilich
nicht verhehlen, daß dasselbe unseres Erachtens weder der Realität
entspreche noch den Werth eines vorleuchtenden Ideales habe, und
daß folglich die ganze Untersuchung für die Rechtswissenschaft nicht
sehr fruchtbringend geworden sey. Eher noch nähert sich die erste
Abtheilung, das Privatrecht, der Wahrheit, als die zweite,
das Kirchenrecht; und jene wohl gerade darum eher, weil sie
weniger als die zweite in der religiös-dogmatischen Begründung
gefangen ist, und, sey es bewußt sey es unbewußt, gar manches,
wovon das Dogma nichts weiß, von den heidnischen alten Römern
und von den ungläubigen Philosophen der neueren Zeit entlehnt
hat. Einzelne arge Züge entstellen freilich auch das Bild des
Privatrechts. So wird die Sklaverei des Alterthums für „voll-
kommen gerechtfertigt" erklärt und geradezu der „göttlichen Ge-

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