Full text: Volume (Bd. 5 (1857))

322 Zur Rechtsphilosophie. Zwei Ertreme.
abgeschmackter und geistloser. Wenn es sich darum handelt, die
Fruchtbarkeit oder Unfruchtbarkeit des BodenS zu messen, oder den
Verkehrswerth der Sachgüter zu bestimmen, so gebührt dem Ma-
terialismus eine Stimme; wenn aber der Unterschied von Recht
und Unrecht in Frage ist, so muß er sich bescheiden, dafür keine
Wage und kein Gewicht in seiner Wage zu haben.
Wir sprechen dem Verfasser weder Scharfsinn noch Witz ab,
aber wir beklagen es, daß er seinen Scharfsinn und seinen Witz
so fruchtlos vergeudet hat. Er hat mit seiner Logik ins Wasser
geschnitten und die Raketen seiner Witze in die Winde zerstreut.
Er versichert uns, in seinen Untersuchungen die „naturforschende
Methode" beobachtet zu haben. Aber die wirklichen Naturforscher
werden ihre Methode in seiner Arbeit nicht wieder erkennen. Die
naturforschende Methode geht von der nüchternen Betrachtung der
sinnlich - wahrgenommenen Erscheinung aus, und sucht von da aus
allmählich in der Erfassung der leitenden Gesetze vorzudringen;
aber sie hütet sich — theils mißtrauisch gegen die Neigung des
Geistes zur Allgemeinheit und Einheit des Gedankens, theils in
bescheidener Selbstbeschränkung - irgend ein Gesetz für wahr zu
erkennen, das sie nicht durch ihre Experimente von verschiedenen
Seiten her sinnlich geprüft und wahrscheinlich gemacht hat. Es
ist in dieser Methode tief begründet, daß sie nur relative Be-
weise und nur relative Wahrheit kennt; aber wie be-
schränkt auch beide sind, in dieser Beschränkung haben sie einen
hohen Grad von Sicherheit und Anschaulichkeit. Diese
Methode ist in der Rechtswissenschaft schon lange, soweit dieselbe
hier eine analoge Anwendung findet, als die historische Methode
bekannt und geübt worden. Der Rechtshistoriker betrachtet voraus
die in der Völkergeschichte offenbar gewordenen Rechtsinstitutionen,
und die historische Methode hält einen Rechtsbegriff nur insofern
für richtig und wahr, als er in bestimmten Verhältnissen als histo-
risches Gesetz offenbar geworden ist. Je mehr aber im Recht neben
der körperlichen Gestaltung auch der Geistesgehalt von Bedeutung
ist, um so weniger durfte sich die Rechtswissenschaft ausschließlich
auf die Zeichnung der gemeinsamen Merkmale beschränken, welche
die äußere Rechtserscheinung von fremden Erscheinungen unter-
scheiden und mit verwandten verbinden. Da die Entwicklung des
Rechts vornehmlich von dem Geistesleben der Menschen bestimmt

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