Full text: Volume (Bd. 5 (1857))

Das Beweisverfahren nach deutschen Rechten. 225
alS ein Surrogat der, wenn auch unter Umständen anticipirten,
Erecution; sie setzt demnach die Entscheidung der Rechtsfrage wie
der Thatfrage jederzeit als gegeben voraus, gleichviel übrigens, ob
das Urtheil formell bereits ergangen oder noch ausständig ist.
Der Zweikampf dagegen begreift, soweit er überhaupt Rechts-
institut ist, jederzeit eine Entscheidung in sich, möge sich diese nun
lediglich auf die Rechtsfrage oder zugleich auch auf die Thatfrage
beziehen, und er bildet somit nothwendig ein Surrogat des Ur-
theils, zuweilen überdieß auch noch des Vorverfahrens. Auch
dadurch unterscheidet sich ferner der Zweikampf von der Fehde, daß
diese letztere wesentlich auf Fälle beschränkt ist, in welchen das
gerichtliche Verfahren zur Aechtung des Gegners oder zu dessen
Verurtheilung in eine Capitalstrafe führen würde, während der
erstere in Civil- wie in Strafsachen seine Stelle finden kann.
Beide Institute beruhen demnach zwar auf einem gemeinsamen
Grundgedanken, aber keines derselben ist aus dem andern hervor-
gegangen, vielmehr jedes auf selbständigem Wege und nach einer
selbständigen Richtung hin aus der beiden zu Grunde liegenden
freien Selbsthülfe erwachsen.
Aus dem Bisherigen ergibt sich bereits, daß man den Zwei-
kampf nicht nur den eigentlichen Gottesurtheilen nicht beizählen,
sondern überhaupt nicht als ein Beweismittel betrachten darf; wie
die völlig ungeregelte, so ersetzt vielmehr auch diese geregelte Selbst-
hülfe das gerichtliche Verfahren überhaupt, und nicht bloß jenen
einzelnen Abschnitt desselben, welcher es mit der Bewahrheitung
bestrittener Thatsachen zu thun hat. Sehr schwer ist aber zu be-
stimmen, in welchem Umfange das Duell in der ältesten Zeit
zugelassen wurde. Der Natur der Sache nach war dasselbe frei-
lich beschränkt aus freie und waffenfähige Männer, und auch das
Erforderniß persönlicher Unbescholtenheit dürfte von Anfang an
gegolten haben, während auf die Standesgenoffenschaft der strei-
tenden Theile wohl erst das spätere Mittelalter Gewicht legte.
Leute, welche ihres hohen Alters oder körperlicher Gebrechen wegen
nicht kämpfen konnten, Weiber, Minderjährige, Unfreie, wurden
von ihrem Herrn oder Vormunde ganz eben so mit Kampf ver-
treten, wie dieser sie vorkommendenfalls mit seinem Eide vertrat;
es ist eine Entartung der alten Sitte darin zu erkennen, wenn
die spätere Zeit Weiber selber kämpfen ließ, oder wenn sie das

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