Full text: Volume (Bd. 5 (1857))

Das Beweisverfahren nach deutschen Rechten. 221
gestanden hätten, ohne jemals tatsächlich zur Anwendung gebracht
zu werden; Beispiele wirklichen Gebrauchs derselben sind in hin-
reichender Zahl und genügend glaubwürdiger Weise überliefert,
um jede derartige Ansicht von vornherein auszuschließen. — Einer
Erklärung bedarf dabei allerdings der Umstand, daß eine nicht
eben geringe Zahl von Fallen bezeugt ist, in welchen die Probe
wirklich mit Erfolg bestanden worden seyn soll. Hier nun mochte
allerdings bald der Gebrauch schützender Salben oder irgend welche
andere Manipulation des Beweisführers, bald ein „frommer" Be-
trug des die Probe leitenden Klerus, bald eine anderweitige, be-
wußte oder unbewußte, Milderung der Gefährlichkeit dieser letz-
teren helfend ins Mittel getreten seyn, und nicht allen uns über-
lieferten Erzählungen darf überdieß voller geschichtlicher Glauben
beigemessen werden; einer einheitlichen für alle Fälle gleichmäßig
gültigen Erklärung sind derartige Vorkommnisse weder fähig noch
bedürftig. Einer Erklärung bedarf ferner die weitere Thatsache,
daß auch noch in späterer Zeit, als einerseits der alte Wunder-
glauben erheblich erschüttert, andererseits aber die Anwendung der
Gottesurtheile durch das Zurückweichen des Zweikampfes sogar
eine ungleich häufigere geworden war, deren Gebrauch fortwährend
sich seine Geltung erhielt. Hiefür läßt sich aber in der Thal eine
einfache und schlagende Erklärung finden; sie liegt einfach in der
Beschaffenheit des älteren Beweissystems, welches jenes eventuellen
Auskunftsmittels überhaupt nicht, und um so weniger entbehren
konnte, je entschiedener sich der Staat veranlaßt sehen mußte das
Bereich des Duelles nach Möglichkeit einzuschränken. Schon K.
Liutprand zweifelte an der Verlässigkeit der Entscheidung durch die
Gottesurtheile, zu welchen er freilich bereits auch den Zweikampf
zählt'); schon Karl der Große mußte durch gesetzliche Vorschrift
jeden Zweifel an deren Nntrüglichkeit verbieten * 2): dennoch erhielt
sich dieselbe noch auf lange hinaus im Gebrauche, und zwar genau
aus demselben Grunde, welcher in jüngerer Zeit die Tortur noch
fortbestehen ließ, nachdem deren principielle Verwerflichkeit längst
erwiesen und zugegeben war, — weil nämlich diese wie jene eine
Lücke im geltenden Processe auszufüllen hatte, welche man auf

*) Edict. Liutpr. c. 118.
2) Capit. Aquisgr. a. 809, c. 25.
Kritisch e Ueberschau. v.

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