Volltext: Band (Bd. 3 (1856))

482 Dir Rechtslehre m der Wiener Universität, rc.
obwohl sie diese nicht ihrer Rechtsgelehrsamkeit, sondern ihren
humanistischen Studien verdankten. Das römische Recht nahm
nun den breitesten Platz ein. Die Reform von 1537 stellte drei
Professoren für daS römische Recht auf, einen für Institutionen,
zwei für Codex und Pandekten, nur einen für daS Kirchenrecht,
und diesen mit dem Beisatze, „daß er bei dem Mangel an Zu-
hörern zwar überflüssig erscheinen könnte, daß man ihn aber doch
noch beibehalten wolle." Vom einheimischen Rechte keine Rede!
Ein Project, das ius eonsuetullinsrium sustriseum. natürlich
in lateinischer Sprache, in ein System zu bringen und ihm so
neben dem „ius legitimum" Eingang in die Schule zu verschaf-
fe», blieb ohne Erfolg. Die dritte Periode endlich charakterisirt
sich durch die Herrschaft deS abstracten Naturrechts nach Grotins
und dessen Nachfolgern, das unter dem Namen des ius pudlioum
sich anfangs zwar nicht ohne Schwierigkeit Bahn brach, im Laufe
des 18ten Jahrhunderts aber die Rechtslehre vollständig über-
wucherte oder, wie man vielleicht richtiger sagen würde, mit sei-
nen nüchternen Abstraktionen das Aufkommen jeder wahren Rechts-
wissenschaft erstickte. Es war als Grundsatz ausgesprochen, daß
den jungen Leuten nichts gelehrt werden müsse, was sie nachher
nicht zum Besten deö Staats gebrauchen können, „da die Studien
in Universitäten nur für die Bildung von Staatsbeamten dienen,
nicht aber zu Erzielung Gelehrter gewidmet seyn müssen." Der
Verfasser theilt uns S. 62. die interessante Notiz mit, daß, als
im Jahre 1785 ein anonymer Reformvorschlag dem Kaiser einge-
reicht war, mit Hinweisung auf die Göttinger Universität, die
Studiencommission sich sehr geringschätzig darüber äußerte: „die
Universität in Göttingen sey nur eine Finanzspeculation der han-
növerschen Regierung, um möglichst viele Fremde anzuziehen; über
diesen Standpunkt aber sey man nunmehr hinaus, denn die ein-
heimische Studienverfassung hänge mit der Nationalerziehung (!)
zusammen, und sey bestimmt, dem Staate Bürger zuzuführen,
welche chre Pflichten aus Ueberzeugung zu erfüllen bereit sind,
und Beamte welche in den Zweigen der öffentlichen Verwaltung
brauchbar und mit den jetzt geltenden Staatsgrundsätzen und Ge-
sinnungen (!) genährt sind." An der Spitze aber dieses Abrich-
tungssystemS mit sehr beschränkender, jede wissenschaftliche Regung
der Lehrer lähmender Bevormundung stand — das Naturrecht,

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