Full text: Volume (Bd. 3 (1856))

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Zur neueren Strafgesetzgebung.
die Unhaltbarkeit der absolut bestimmten Strafgesetze; da mochte
wohl mancher gewissenhafte und vorsichtige Gesetzgeber sich einen
6ev8 ex machina wünschen, der ihm aus der Verlegenheit helfe!
Und der lleu8 ex machina hat sich wirklich eingestellt: es erschien
im rechten Momente die jury und übernahm die Vermittlung.
Kam auch die Erscheinung etwas unerwartet, ja hie und da unge-
legen, so war sie nun einmal da, und konnte der Gesetzgeber, sinte-
mal bte jury die Schuldfrage übernahm, ohne alles Bedenken die
Macht der rechtsgelehrten Richterbeamten in der bezeichneten Weise
erweitern und somit dem Richteramte eine gegen früher würdigere
Stellung geben. Schon hieraus erhellt, daß durch das Auftreten
der Jury nicht bloß eine Umbildung des StrafproceffeS, sondern
auch des (sog. materiellen) Strafrechts bedingt war. Aber auch
noch aus einem andern Grunde war durch dieses Auftreten eine
Aenderung im Strafrechte geboten.
Die deutschen Strafgesetzbücher vor dem Erscheinen der jury
waren für rechtsgelehrte Richter abgefaßt; sie passen, wie auch
bereits in dieser Zeitschrift bemerkt worden ist *), nicht für eine
Strafrechtspflege, bei welcher Geschworne mitzuwirken haben. Wer
nicht die schon von Feuerbach bekämpfte Ansicht des Hobbes
iheilt, daß die Gesetzgeber nur zu den Richtern zu sprechen haben,
muß die Redaktion der deutschen Strafgesetzbücher auch vor der
Reception der jury vielfach verkehrt und unzweckmäßig finden; —
um wie viel mehr aber jetzt, wo Laien zu entscheiden haben, ob
der Angeklagte dieses oder jenes Verbrechens schuldig sey. Aus
der Einführung der jury erwuchs also für die Legislation die
Aufgabe, den Strafgesetzen einen einfacheren, allgemein
verständlichen Ausdruck zu geben, — das Strafrecht wieder
zu einem Volksrechte zu machen. „Darin mag sich die juristische
Kunst zeigen. Hic est Rhodus!" — bemerkte Köstlin in seinem
„Wendepunkte."
Diese Aufgabe hat auch die neuere deutsche Gesetzgebung
erkannt, und man darf sagen glücklich gelöst; ich nenne beispiels-
weise nur das preußische Strafgesetzbuch vom 14 April 1851 und

*) Dollmann „zur neuesten Codificalion des Strafrechts" (I. Bd.
S. 150 ff. und U. Bd. S. 69 ff.)

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