Full text: Volume (Bd. 3 (1856))

318 Die Gegenwart». Ankunft der Theoriedes gem. d. bürgerl. Processes.
Nur ein das historische, dogmatische und legislative Moment
zugleich umfassendes Werk aber könnte ein vollendetes genannt
werden. Allein selbst bei jenen Werken, welche vorzugsweise nur
eine der eben genannten drei Seiten darzustellen sich die Auf-
gabe gesetzt haben, ist letztere unseres Erachtens nicht in dem
wünschenswerthen Umfang und in der erforderlichen Ausdehnung
gelöst.
Wir besitzen keine geschichtliche Entwicklung des gemeinen
deutschen bürgerlichen Processes, wie sich solcher im Verlaufe der
Zeiten aus römischen und germanischen Elementen unter dem Ein-
fluß des kanonischen Rechtes und der Praktiker des Mittelalters
mit dürftiger Beihülfe der Reichsgesetzgebung ausgebildet hat.
Selbst eine vollständige Darstellung des germanischen bürger-
lichen Rechtsverfahrens im Ganzen mangelt. Was die dog-
matische Seite der Bearbeitung betrifft, so müssen wir vor allem
an die Bemerkung Planck's *) erinnern, daß ein übereinstimmen-
des System des Civilproceffes von den Rechtslehrern bis jetzt
nicht angenommen worden ist, ja daß nicht einmal eine annähe-
rungsweise übereinstimmende Anordnung, wie dieß doch gegen-
wärtig im Civilrecht zu seyn pflegt, unter den einzelnen Lehr-
büchern stattfindet. Ferner finden wir in keinem der neueren Lehr-
und Handbücher eine vollständige Entwicklung der Controversen
und dabei zugleich eine Verfolgung der Regeln zur Darstellung der
einzelnen abgeleiteten und Folgesätze, wie sie für die Praris so
erwünscht sind, so treffliche Andeutungen auch in diesen beiden
Beziehungen insbesondere die Noten zu Martins und Heff-
ler s Lehrbüchern enthalten.
Eine umfassende Darstellung des gesummten deutschen bürger-
lichen Rechtsverfahrens vom gesetzgeberischen Standpunkte aus ist
seit der Vergleichung deö gemeinen deutschen bürgerlichen Processes
mit dem preußischen und französischen Civilverfahren und mit den
neuesten Fortschritten der Proceßgebung von M i t term a i er nicht
erschienen, welch letztere, so verdienstvoll sie zu ihrer Zeit war,
jetzt schon um deßwillen nicht mehr genügen kann, weil einer-

*) Die Mehrheit der Rechtsstreitigkeiten im Proceßrecht. Göttingen
1844 S. 530.

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