Full text: Volume (Bd. 3 (1856))

Ueber die neuen Begründungen d. Gesellschaft u. des Gesellschaftsrechts. 231
entgegentritt, und im Namen der nationalen Gemeinschaft ihr un-
leidliche Fesseln anlegt. Gott, nicht der Staat hat das Jndivi-
dualleben geschaffen, der Staat muß es daher achten und schützen
wie es ist; er darf es nicht zertreten und vergewaltigen.
Zwar ist nicht alles öffentliche Recht zugleich Staatsrecht;
denn nicht alle Beziehungen des großen Gesammtlebens sind von
dem Staate aus zu bestimmen. Die Römer schon haben ein
staatliches Recht im engern Sinne von der religiösen Gestaltung
des Gesammtlebens, dem ju8 sscrum unterlchieden, und beide zu-
sammen jus publicum genannt. Aber das Staatsrecht ist doch der
klarste und entschiedenste Ausdruck des öffentlichen Rechts; und in
ihm wird auch der Gegensatz zum Privatrecht besonders anschau-
lich. Wir dürfen daher, um den Unterschied beider zu charakteri-
siren, vorläufig zunächst auf die Natur des Staatsrechts Hinweisen,
nur dürfen wir nicht Staatsrecht und öffentliches Recht für gleich-
bedeutend halten.
Bisher hat man den Gegensatz von öffentlichem und Privat-
recht für erschöpfend gehalten, und nur über die Gränzen der bei-
den Gebiete gelegentlich gestritten. Erst in neuester Zeit ist eine
neue Lehre aufgetaucht, welche an die Stelle der zwei Hauptbe-
griffe drei setzen will, von einer dritten zwischen dem Gesammtleben
der Nation und dem Jndkvidualleben in der Mitte liegenden eigen-
thümlichen Sphäre des gesellschaftlichen Lebens spricht, und
dem öffentlichen oder Staatsrecht und dem Privatrecht
das „Gesellschaftsrecht" als gleichberechtigtes drittes Glied
beiordnet. Die neue Behauptung wird als eine wichtige Findung
der modernen Wissenschaft verkündigt, und es werden große ein-
greifende Reformen der Rechtswissenschaft von ihr erwartet. Schon
haben wir die Anfänge einer besondern Litteratur der Gesellschafts-
wissenschaft vor uns; und neuestens hat einer der gründlichsten
Kenner der Staatswissenschaft, Rob. v. Mohl, den Versuch ge-
macht, durch eine einläßliche Erörterung der Frage dem neuen Ge-
danken des Gesellschaflsrechts das wissenschaftliche Bürgerrecht zu
verschaffen. Gewiß ist es daher sehr zeitgemäß, daß die kritische
Ueberschau auch ihrerseits diese Bewegung in der Wissenschaft einer
sorgfältigen Beachtung und die neue Ansicht einer unbefangenen
Prüfung unterwerfe. Die wissenschaftlichen und die praktischen
Interessen sind dabei sehr nahe betheiligt. Entweder ist die neue
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