Full text: Volume (Bd. 3 (1856))

Karl Ludwig von Haller, zubenannt „der Restaurator." 97
gewählte Motto: quod manet infectum nisi tu confeceris, ipso
mandatum a summo tu tibi crede Deo, andeutet, hielt sich
Haller für einen zweiten Messias, der dazu in die Welt ge-
kommen sey, durch das Licht der Wahrheit ein System der Lüge zu
vernichten. Durch die bloße Darlegung seiner Grundsätze glaubte
er denselben bereits allgemeinen Eingang zu verschaffen; durch sie
sollte jeder Rechtstitel der Revolution zerrissen und ihre Wieder-
holung unmöglich gemacht werden — eine Erwartung, welche in
seinem spätem Leben durch bittere Erfahrungen getäuscht wurde.
Das Buch machte außerordentliches Anfsehen und erlitt, wie
natürlich, die verschiedensten und widersprechendsten Beurtheilungen.
Während Adam Müller die Gründung eines eigenen Lehrstuhls
auf jeder deutschen Universität verlangte zur Entwicklung der
Haller'schen Ideen, nannten dagegen andere sein Werk einen
Schandfleck des Jahrhunderts. Eine unparteiische Beurtheilung
wird sich weder dem einen noch dem andern dieser Ertreme an-
zuschließen vermögen. Haller stellt im Gegensatz zu der früheren
Lehre den Fundamentalsatz auf: der Stand der Natur habe niemals
aufgehört, derselbe umfasse vielmehr gesellige und außergesellige
Verhältnisse mit und neben einander, und der Mensch stehe in
beiden zugleich. In jedem geselligen Verhältniß, sagt er, bildet
die Natur von selbst Herrschaft und Abhängigkeit. Ungleichheit
der Kräfte herrscht überall, und wechselseitige Bedürfnisse fesseln
die Menschen an einander. Höhere Macht, natürliche Ueberlegen-
heit an irgend einem nützlichen Vermögen auf der einen Seite
und auf der andern ein Bedürfniß an Nahrung, Pflege und
Schutz, an Belehrung und Leitung, welches jener höhern Macht
entspricht und durch sie befriedigt wird, ist der natürliche Grund
aller Herrschaft und aller Abhängigkeit. Das Bedürfniß nöthigt den
Schwächern zu einem Vertrage mit dem Mächtigem. Geschieht
dieß in einem größeren Maßstabe, schließen viele Schwächere mit
einem Mächtigem solche Verträge ab, so entsteht dadurch ein
Staat. Konsequent damit ist Haller's Definition von Staaten als
vollendete, geschlossene Menschenverknüpfungen, unabhängige Dienste
und Societätsverhältnisse, die sich von andern sogenannten privat-
geselligen Verhältnissen bloß durch die Unabhängigkeit oder höhere
Macht und Freiheit des herrschenden Subjects unterscheiden.
Der einzelne Mächtige, welcher in Folge Vertrages die Herr-
Kritische Ue bersch au. Hl 7

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