Full text: Volume (Bd. 19 = N.F Bd. 7 (1881))

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Dr. O. Lenel,

1.
Am leichtesten ist, wie bereits bemerkt, diese Beweisführung
bei der Occupation. Wer die Augen nicht vor den Thatsachen
der Erfahrung willentlich verschließt, weiß, daß bei den tagtäg-
lich im Leben vorkommenden Occupationen die Absicht Eigen-
thum zu erwerben nur in Ausnahmsfällen vorhanden ist. Der
Jäger auf der Jagd, der Gelehrte bei botanischen und zoologi-
schen Occupationen, der Knabe am Meeresstrand beim Muschel-
sammeln, sie alle haben zweifellos bei ihren Besitzergreifungen
den animus rem sibi habendi; aber des Rechtserfolges ihrer
Handlungen werden sie sich nur in den seltensten Fällen bewußt
sein: der Jäger wird an den gewonnenen Braten, der Gelehrte
an den Gewinn für die Wissenschaft, der Knabe an das Spiel-
vergnügen, unter Tausenden kaum Einer an das gewonnene
Eigenthum denken. Sollen sie nun um deßwillen auch nicht
Eigenthümer der occupirten Sachen werden, soll Jeder also
sie ihnen ungestraft stehlen können? Welche praktische Unmög-
lichkeit, aber auch welch ein Widerspruch gegenüber den aner-
kannten Grundprincipien des Privatrechts! Im Gebiete des
Privatrechts, so lehrt man, soll, wo nicht höhere rechtspoli-
tische Rücksichten sich geltend machen, der Wille der handeln-
den Partei maßgebend für die Rechtsfolge sein. Nun wohl!
Der Occupant hat durch die Besitzergreifung erklärt: ich will die
Sache für mich haben. Was ist die Ertheilung des Eigen-
thumsrechts anderes als der Ausspruch der Rechtsordnung: Du
willst die Sache haben, — gut. Du sollst sie haben, ich will
das meinige thun, um Dir dies Haben zu sichern 27)! Es ist

27) Mit Obigem gebe ich bewußt den im ersten Abschnitt meiner Ex-
ceptionen gemachten Versuch, den Begriff des subjectiven Rechts zu bestim-
men , als irrig auf: ich habe dort die in der Ertheilung eines Rechtes
liegende Gewährung nicht gehörig gewürdigt. Für nähere Ausführung
ist hier nicht der Ort.

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