Full text: Jahrbücher für die Dogmatik des heutigen römischen und deutschen Privatrechts (Bd. 14 = N.F Bd. 2 (1875))

424

O. Bähr,

solche Grundlage hin nicht blindlings etwas völlig Beliebiges als
Schadensersatz zuerkennen, sondern wenigstens annähernd sehen
wollen, was für ein Schaden wirklich entstanden sei. Auch
bei diesem freieren richterlichen Standpunkt werden sich daher
unpraktikabele Begriffe, welche einem Schadensersatzanspruch zu
Grunde zu legen, immer mehr oder weniger rächen. Als Grund-
lage eines Vergleichsvorschlags mag sich unter Umständen das
(im Ueberschlag bemessene) „negative Interesse" wohl empfehlen;
als Grundlage der Rechtssprechung zu dienen aber eignet es
sich nicht.
Der wahre Schadensersatz dafür, daß Jemand einem
Andern für die Epistenz eines Rechtsgeschäfts einzustehen hat,
wird stets darin bestehen, daß er das Rechtsgeschäft selbst
gegen sich gelten läßt. Damit wird dasjenige, wofür er
dem Andern einzustehen hat, in Natur geleistet, und es
bedarf keiner künstlichen Schadensberechnung. Läßt man da-
neben noch aus Billigkeitsrücksichten dem gegen seinen wahren
Willen aus einem solchen Verhältnisse Haftbaren eine Ein-
rede oder Klage insoweit zu, als er eine positive Bereicherung
des Gegners nachzuweisen vermag -- ähnlich, wie z. B. der
Miether, wenn er auf den Miethpreis für eine von ihm nicht
benutzte Sache belangt wird, die Einrede entgegen setzen darf,
daß der Kläger die Sache anderweit vermiethet gehabt, also in
Wahrheit sich nur bereichern würde — so ist damit auch dem
Interesse des anderen Theils genügend Rechnung getragen. Die
Verweisung des Verletzten auf Darlegung seines „negativen
Interesses" stellt dagegen diesen vielfach rechtlos, und belastet
die Rechtsprechung mit Schwierigkeiten, denen sie nicht ge-
wachsen ist.
Die in diesem Aufsatz besprochenen Fragen traten vor Kur-
zen wieder lebendig hervor in einem Rechtsfalle, der inzwischen bei
Seuffert, Arch. Bd. 29 Nr. 215, veröffentlicht ist. Es wurde

Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer