Full text: Volume (Bd. 14 = N.F Bd. 2 (1875))

Der Urkundenbeweis.

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der Inhalt in anderer Weise zur Kenntniß des Unterzeichners
gekommen sei, daß also ein Anderer ihm die Urkunde vor oder
bei der Unterzeichnung richtig vorgelesen habe. Wird dieser
Beweis erbracht, so steht die Unterzeichnung mittelst Hand-
zeichens mit der durch Namensunterschrift völlig auf gleicher
Linie. Jener Beweis kann nun ohne Zweifel durch eine zu-
gleich die Unterzeichnung beglaubigende Beurkundung eines
öffentlichen Beamten erbracht werden 7). Aber es liegt überall
kein Grund vor, andere Beweismittel auszuschließen. Die An-
nahme, „es könne die Aechtheit solcher Urkunden nur durch
öffentliche Beglaubigung bewiesen werden", scheint auf der un-
richtigen Ansicht zu beruhen, als ob der Aechtheitsbeweis immer
nur an die Charakteristik der Handschrift sich knüpfen könnte,
womit auch die dem Diffessionseid beigelegte eigenthümliche Na-
tur im Zusammenhang stehen dürfte. Nun Pflegen freilich
Kreuze und Nullen nicht so beschaffen zu sein, daß man zumal
einem Schreibensunkundigen zumuthen könnte, sie als seine indi-
viduelle Schrift wieder zu erkennen. Allein dies ist auch gar
nicht nöthig. Wenn ich klagend behaupte: „Verklagter wollte
mir die und die Erklärung (z. B. eine Verzichtleistung) ab-
geben; ich setzte darüber eine Urkunde auf, las sie dem Ver-
klagten wörtlich vor; dieser Unterzeichnete sie, und zwar als
Schreibensunkundiger mit 3 Kreuzen, und ließ sie in meinen
Händen zurück; und dies hier ist die Urkunde!" — und wenn
ich zum Beweis dieses ganzen Vorgangs zwei völlig glaubhafte

7) Die Beglaubigung einer mit Namensunterschrift versehenen Ur-
kunde kann sich auf die Vollziehung oder Anerkennung dieser Namens-
unterschrift beschränken. Bei der Beglaubigung einer mit Handzeichen
vollzogenen Urkunde ist dagegen zu sicherer Annahme, daß keine Täuschung
obgewaltet, erforderlich, daß die Beglaubigung sich auf die Kenntniß des
Inhalts der Urkunde Seitens des Unterzeichners, also auf deren Vor-
lesung und Genehmigung erstrecke.

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