Full text: Volume (Bd. 30 = N.F Bd. 18 (1891))

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Ernst Immanuel Bekker,

schuldet werden können, äare — tradere ut habere liceat —
restituere etc., scheinen alle derselben Hauptregel zu unter-
stehen :
Die Berechtigung des Gläubigers erwächst mit dem
Augenblicke, da die geschuldeten Stücke in den Gewahr-
sam desselben kommen,
die Befreiung des Schuldners aber tritt erst mit dem
„Empfangen" der Leistung im obigen Sinne ein.
Doch werden Ausnahmen zu machen sein. Ganz gewiß
daß, wo der Schuldner überhaupt durch Dereliktion sich be-
freien könnte, das im Gewahrsam des Gläubigers Hinterlassen
ebenso befreiend wirken muß. Auch in anderen Fällen, je
nach den Umständen. Dagegen wird man nicht sagen dürfen,
der Gläubiger sei allemal dazu befugt, wo der Schuldner in
Mora oder gar in Kulpa wäre. Z. B.: ich habe einen kost-
baren Schmuck bestellt, den mir der Goldschmied zu einem
Termine bringen soll ; um die angesetzte Zeit paßt mir die
Annahme nicht, und um dieselbe hinauszuschieben, verlaffe ich
meine Wohnung und halte mich dem Juwelier unauffindbar;
nachdem dieser wiederholt in meine Wohnung gekommen, hin-
terläßt er daselbst den Schmuck, ohne daß dieser von einem
Empfangsberechtigten entgegengenommen wäre. Am Schmuck
habe ich das Recht des Gewahrsams, auch Eigenthum, wenn
nicht etwa die singulären Rechtsregeln (Erforderniß der Zahlung
oder Kreditirung des Preises) und Aehnliches im Wege stehen;
aber der Juwelier hat gleichwohl noch nicht definitiv erfüllt,
er ist nicht schon schuldfrei, sondern wird dies erst später,
keinesfalls bevor ich Kunde von der Hinterlassung erhalten;
wird der Schmuck davor gestohlen, so muß er noch einmal
leisten. Zur Bestärkung dieser Auffassung bedenke man unter
anderem, daß unsere Post ein als werthvoll deklarirtes Packet
auch nicht ohne Quittung eines Empfangsberechtigten in den

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