Full text: Volume (Bd. 30 = N.F Bd. 18 (1891))

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Prof. Dr. I. Baron,

der Wille so allgemein gefaßt werden, daß darunter die ver-
schiedensten sachenrechtlichen Verhältnisse Platz haben; mit
anderen Worten, es muß der Wille dahin gefaßt werden:
„ich will die Sache haben" l), und die Frage, ob für mich
oder für einen Anderen, muß außer Rücksicht bleiben; es muß
der Wille lediglich darauf gerichtet sein, daß das thatsächliche
(äußere, räumliche) Verhältniß, welches das Band zwischen Per-
son und Sache bildet, existirt; wird in den Willen noch mehr
hineingelegt, wird er eoncreter gefaßt, so paßt der daraus sich
ergebende Besitz nicht mehr auf alle Verhältnisse, er verliert
seine allgemeine Bedeutung. Es kann also der animu8 rem
sibi habendi nicht das maßgebende Moment sein, und
IHering schrieb deshalb: „nach Römischer Anschauung ver-
trägt sich der Besitz mit dem Willen, die Sache für einen
Anderen zu besitzen" 2). Kuntze aber nimmt an, daß I h e ri n g
zwischen dem Willen für sich und zwischen dem für einen
Anderen die Sache zu haben, keinen Unterschied kenne, und
giebt sich auf S. 11—15 der schon mehrmals von mir be-
richteten Seelenmalerei hin, um die Unterschiede zwischen dem
Willen einzelner Besitzer und Detentoren zu schildern. Nicht
die Existenz solcher Unterschiede bestreitet Ihering, sondern
er leugnet, daß daraus der Gegensatz von Besitz und Inhabung
zu gründen ist.
Es ist dies nicht das einzige Mißverständniß, das der
Darstellung von K u n tz e unterläuft; wir müssen Ihering
noch gegen mehrere andere in Schutz nehmen.
Nach Kuntze S. 15 „hält Ihering dafür, daß außer
dem Juristen Paulus kein Römischer Jurist etwas von einem

1) Anders derjenige, der eine Sache ansieht, an einem Telephon hört,
u. dgl. m.
2) Besitzwille S. 313.

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