Full text: Volume (Bd. 30 = N.F Bd. 18 (1891))

Streifzüge im Entwürfe eines bürg. Gesetzbuchs f. d. D. R. 157

noch bestärken. Der erwähnte Fall ist in zweifacher Hinsicht
instruktiv und verdient deshalb hier mitgetheilt zu werden:
Ein in einem Markte Obersteiermarks ansässiger Rechts-
anwalt fuhr eines Tages mittels Wagens von seiner Wohnung
zu dem von dieser etwa 40 Minuten entfernten Bahnhof.
Auf dem letzteren angelangt, vermißte er die Aktentasche, welche
er beim Einsteigen in den Wagen auf den inneren Sitz desselben
gelegt und an einer ihm angeblich genau erinnerlichen Stelle
des Weges noch neben sich liegen gesehen hatte. Da eine
Verspätung des Zuges, mit dem er fortfahren wollte, signalisirt
war, ging der Anwalt, um die beim raschen Fahren offenbar
aus dem Wagen gefallene Tasche zu suchen, vom Bahnhofe
bis zu der von ihm (wie sich später zeigte, mit Unrecht) für
maßgebend gehaltenen Stelle des Weges und von da wieder
zum Bahnhof zurück, jedoch ohne daß sein Bemühen den ge-
wünschten Erfolg gehabt hätte. Als aber der ob seines Ver-
lustes sich sehr aufgeregt gebärdende Anwalt in den zur Abfahrt
bereit stehenden Eisenbahnzug einsteigen wollte, stürmte auf
ihn ein athemloser Junge im Alter von etwa 9 Jahren mit
der vermißten Tasche zu. Er habe, so meldete der Knabe, bei
seinem Gange zur Schule die Tasche auf der Straße gefunden,
an sich genommen und beim Bürgermeisteramte abgeben wollen.
Daselbst sei ihm gesagt worden, die Tasche gehöre wahr-
scheinlich dem Anwälte N., der heute zur Bahn gefahren sei;
wenn er sich daher ein hübsches Trinkgeld verdienen wolle,
so möge er noch vor Abfahrt des Zuges den Bahnhof zu er-
reichen suchen und seinen Fund dort dem Anwälte einhändigen.
Der Junge that, was ihm geheißen worden, und erhielt vom
Anwälte wirklich ein Trinkgeld im Werthe von etwa 20
Pfennigen. Kaum hatte sich der Zug in Bewegung gesetzt,
so begann der Anwalt den Mitreisenden auch schon mit aller
Genauigkeit zu erzählen, was ihm passirt war. „Ich bin —

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