Full text: Volume (Bd. 17 = N.F Bd. 5 (1879))

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Dr. Jos. Köhler,

als das Aushülssmittel eben das erste und einfachste Mittel ist,
um den Verkäufer aus der unerträglichen Situation zu befreien,
wo der Käufer den Wein nicht abholt und der Verkäufer der
Fäsfer bedarf; besonders wenn der Wein direkt aus den großen
Stückfässern (dolia iadoi) verkauft wurde, welche doch- unbe-
dingt bei einer neuen Weinlese leer sein mußten. Wenn übri-
gens Voigt jus naturale III S. 722 anzunehmen scheint,
daß diese Behandlung der Sache auf einer XII Tafelbestimmung
beruhe, so steht dem sowohl, das Catonische Formular entgegen,
als auch die Ausdrucksweise Ulpian's an besagter Stelle^).
Merkwürdig; gerade diese Weinausgießung findet im
deutschen Recht eine frappante Parallele, ein Genrestück von un-
vergleichlichem symbolischem Humor, in einem Weisthum vom
Hattgau von 1490 (Grimm V S. 502). Es wird dort gesagt,
daß die beiden Oberherren des Gaues alle Jahre vom Pfingft-
abend an über 6 Wochen ein Fuder Wein ausschenken, wovon die
Bauern auf ihr Kerbholz hin sich holen können. Wer es aber,
das des fueder weins ein theil verlegen were über die sechs
wochen und zwen tag, so sollent beeder herrn knecht den
verlegen wein den ihnen, die ihr anzale 2) nit geholt, heim-
tragen; versperret man die thüre für ihnen, so sollent
sie den schütten in den schweinarten, oder zu
dem htienerloch in und nemen gut pfänden, daraus
sie der herrn wein wol löszen mögen.
Diese Ausgießung hatte allerdings den brutalen Effekt der
Substanzvernichtung; allein dieser Effekt ist durch die physika-
1) Auch die sonstigen Hypothesen Voigts in dieser Materie entbehren
viel zu sehr des in solchen Dingen unumgänglichen historischen und praktisch
juristischen Taktes, als daß auf sie gebaut werden könnte; so die Hypothese,
daß im Kondiktionenrecht der Schuldner bereits durch mora accipiendi frei
wurde (S. 749, 761, 1049), was sich später theilweise geändert habe
(S. 1073, 1074) u. s. w.
2) Antheil, Lexer a. a. O.

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