Full text: Volume (Bd. 17 = N.F Bd. 5 (1879))

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R. v. IHering,

bei den Spruchfakultäten zwei bis drei Monate, manche Akten
habe ich ein Jahr lang und länger im ungestörten Schlummer
sich bei ihnen ausruhen sehen — bei Wunderlich bedeutete es
einen Tag. Er sah sich die Akten an, bildete sich seine Ansicht,
setzte auf den Nachmittag eine Sitzung der Spruchfakultät an
und referirte. Nach Schluß der Sitzung war ein Schreiber da,
dem er diktirte, die Nacht hindurch ward abgeschrieben, dann
am folgenden Morgen die Reinschrift kollationirt, und mit der
ersten Post ging ein Urtheil nebst Entscheidungsgründen von
vielen Bogen an das versendende Gericht ab — ein Vorgang,
der in der Geschichte der deutschen Spruchfakultäten schwerlich
seines Gleichen haben dürste.
Damit glaube ich den Mann gezeichnet zu haben. Er war
seiner Grundanlage nach mehr Richter als Lehrer, mehr Praktiker
als Theoretiker und, wenn auch Gelehrter, doch kein Forscher,
seine Stärke war das Zusammentragen des Sicheren und Festen
und die Anwendung desselben, nicht daS Suchen und Grübeln;
keine neue Ansicht knüpft sich an seinen Namen. Darum that
er vollkommen recht, das Lehrfach mit dem Richterberuf zu ver-
tauschen. Der akademische Lehrberuf kann meinen Erfahrungen
nach nur demjenigen volles Genüge gewähren, ihn mit wirk-
licher Liebe und Luft erfüllen, der seiner Natur nach nicht darauf
angewiesen ist, den vorhandenen Lehrstoff einfach weiter zu ge-
ben, sondern, dem es ein Bedürfniß und ein Genuß ist, zu
prüfen, suchen, schaffen, gestalten. Nur wer ewig sucht, ohne
jemals fertig zu werden, dem das Leben zu kurz wird über den
Fragen, mit denen er sich trägt, ist der wahre Lehrer, nur er
bleibt ewig jung, wie es der wahre Lehrer sein soll, denn jung
bleiben heißt nicht fertig werden, stets sich in der M i t t e der
Bahn, nie am Ziel fühlen.
Ich meine damit nicht, als ob der äußere Beruf des aka-
demischen Lehrers mit dieser inneren Qualifikation regelmäßig

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