Full text: Volume (Bd. 7 (1865))

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v. Scheurl,

Gebrauch gemacht werden zu können, ohne daß deshalb eine
eigene Klasse von Naturalobligationen als Mittelklasse zwischen
klagbaren und nichtigen Obligationen aufgestellt zu werden
braucht. ES wäre das nur als eine Modification der Rechts-
regeln über die Anerkennbarkeit von Obligationen zu behan-
deln, wornach eben unter jener Voraussetzung auch bereits
völlig aufgehobene, oder von vornherein ganz ungültige Obli-
gationen doch noch in bestimmter Weise anerkennbar wären.
Dazu, daß man die heutige praktische Bedeutung der
römischen Naturalobligationen in dem Maße, wie ich es jetzt
annehmen zu müssen glaube, überschätzt hat, trug wesentlich
der Zusammenhang bei, in welchen man sie von Alters her
mit dem jus gentium oder naturale brachte. Denn in der
That sind gerade diejenigen römischen Rechtsinstitute, welche
wirklich juris gentium warm, für uns von besonderer
praktischer Bedeutung. Aber ich halte es jetzt eben für eine
bloße Täuschung, daß die römischen Naturalobligationen, d. h.
die tantum naturales obligationes in irgend welchem Sinn
juris gentium obligationes gewesen oder von den römischen
Juristen als solche angesehen worden seien; gerade als juris
gentium obligationes würden sie klagbar gewesen sein; alle
Rechte, welche in den Quellen auf daS jus gentium zurück-
geführt werden, sind klagbare Rechte. WaS juris gentium
ist, heißt naturalis bei den Römern; aber nicht Alles, waS
naturalis heißt, ist darum juris gentium. Der eigentliche
Sinn der Bezeichnung naturalis -obligatio ist, wie ich
glaube, der, daß damit gesagt werden soll, es ist ein Ver-
hältniß, das dem nicht juristisch gebildeten und insofern na-
türlichen Verstand als Obligation erscheint. Der juristisch
gebildete Verstand kann dann im einzelnen Fall dem Urtheil
des natürlichen Verstandes beistimmen, oder ihm seine Beistim-
mung gänzlich versagen, aber auch ihm eine gewisse relative

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