Full text: Volume (Bd. 20 = N.F Bd. 8 (1882))

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Dr. Gustav Hartmann,

Weise haben nach der Idee der Rechtsordnung die Rechtsge-
schäfte die Bestimmung, den Parteiwillen unter den durch das
allgemeine Interesse gesorderten Modificationen in der Errei-
chung seiner selbstgesetzten Zwecke sicherzustellen. Sind es Ver-
träge, so haben sie die ideale Bestimmung, den übereinstimmen-
den Parteiwillen zu realisiren.
Aber die Rechtsordnung, sobald sie aus den ersten Ansän-
gen eines M8 strictum heraustritt, erhebt sich nothwendig über
den Standpunkt, wonach nur das erklär termaßen Gewollte
gilt, nach dem allgemeinen, objectiven Sinn der gebrauchten
Worte. Sie fordert das Eindringen in den individuellen Sinn
und Geist des oder der Handelnden. Sie berücksichtigt weiter,
wie andere Parteien im gleichen Fall das in concreto unent-
schieden Gelassene zu normiren pflegen. Sie erhebt sich abftra-
hirend auf den Standpunkt einer Muster-Partei. Sie fragt
und berücksichtigt, waS derjenige wollen müßte, der sich über
den Einzelfall und sein zufälliges egoistisches Interesse erhebt und
die Gesammtheit aller verwandten Fälle als donus vir würdigt.
So entnimmt die Rechtsordnung ihre Regulirung der Rechts-
folgen von Rechtsgeschäften doch immer dem Parteiwillen5ft),
freilich nicht bloß dem rohen Parteiwillen im Einzelfall, sondern

55) Auch Pernice, „Rechtsgeschäft und Rechtsordnung" (in Grün-
hut's Zeitschrift Bd. VII 1880 S. 465—498) kommt zuletzt darauf hinaus,
im Rechtsgeschäft den Privatwillen als „das schöpferische Element" anzu-
erkennen unter Billigung und Bestätigung durch die Rechtsordnung. Aehn-
lich erkennt Bü low (a. a. O. S. 89 Anm. S. 108) es an, daß die neuere
Rechtsgeschäftstheorie im Gegensatz zu der früheren Ueberschätzung nun-
mehr zu einer Unterschätzung der Bedeutung des subjectiven Willens für
die Rechtsgeschäfte hinneigt. Er selber denkt sich den subjectiven Willen
gradezn als ein dem objectiven Recht eingefügtes zur Rechtsbestimmung
verwendetes Hilfsorgan. Hingegen Schloßmann (in Grünhut's Zeit-
schrift VII 1880 S. 573) läßt wieder die „Rechtsfolge des Geschäfts und
die Rechtsfolge des Delicts durchaus einander parallel gehen", gleichmäßig
unabhängig vom Moment des PrivatwilKns.

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