Full text: Volume (Bd. 20 = N.F Bd. 8 (1882))

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Dr. Gustav Hartmann,

der von der inneren Absicht abirrenden Erklärung beurtbeilt wer-
den, „entschied fast ausnahmslos das Gefühl gegen die Ergeb-
nisse der herrschenden Lehre". Namentlich Anwälte erwiesen sich
als Gegner der letzteren. Ein vielbeschäftigter Anwalt erklärte,
daß er Sachen der Art, wo sein Client das irrthümlich gegebene
Wort nicht halten wolle, gar nicht annehme. Sollten denn
aber nicht die allgemeinen Rechtsprincipien, wenn man ihre
Tragweite klar erwägt, von vornherein so gedacht und festge-
stellt werden müssen, daß die Vertreter der Gerechtigkeit nicht zu
erröthen brauchen, wirklich die Consequenzen daraus zu ziehen?
Selbst F. Mommsen, bei welchem die Kenntniß und
gewissenhafte Erwägung der Bedürfnisse des Rechtslebens'einen
gewissen inneren Consiict hervorruft mit seiner angeblich „quel-
lenmäßigen" Schulüberzeugung, sieht sich ja genöthigt, prakti-
sche Zugeständnisse zu machen. Er concedirt (a. a. O. S. 94
und 96), daß eine strenge Durchführung seines angenommenen
Grundprincips unverkennbar „die Sicherheit des Verkehrs in
hohem Grade gefährden würde, indem diese wesentlich daraus
beruht, daß man dem Erklärten Glauben schenken kann". Er
kann unter diesen Umständen nicht umhin „der Praxis eine ge-
wisse Freiheit in der Bewegung zu gestatten". Wenn anderer-
seits auch die entgegengesetzte Ansicht, welche alles Gewicht
aus die Erklärung legt, „keineswegs unbedenklich ist" a.a.O.
S. 112): so wird danach überhaupt nicht eine uniforme Schab-
lone angezeigt sein, sondern als leitender Gesichtspunkt nur die
Würdigung der einzelnen Fälle nach den Principien der guten
Treue übrig bleiben, in der früher von uns angenommenen
Weise.
Endlich ist auch in der neueren Gesetzgebung der richtige
praktische Grundgedanke mehrfach zum Durchbruch gekommen.
Man mag durchaus die Fassung bemängeln, wo sie selber wie-
der zu schablonenhaft ist und wo sie besonders das vieldeutige,

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