Full text: Volume (Bd. 20 = N.F Bd. 8 (1882))

Wort und Wille im Rechtsverkehr.

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ganz verschieden behandelt bei Auslegung einer Stipulation
und eines Vermächtnisses? Während es bei der Stipulation
von vestis muliebris nicht daraus ankommt „quid senserit
promissor“, mithin auch solche Stücke der Damengarderobe ge-
schuldet werden, welche der Promittent als Männerkleidung an-
zusehen und zu behandeln pflegte: so gelten in einem Legat
der vestis muliebris diejenigen Stücke, welche der Testator in
solch singulärem Sinne gehandhabt hatte, als nicht enthalten,
weil es ankommt auf die vestis „de qua senserit testator"
(kr. 33 d. auro leg. 34, 2) 35).
Weiter beruht es auf dieser durchschlagenden Kraft der
inneren Absicht des Testators, daß bei Dunkelheiten des Testa-
ments auch die einseitige authentische Declaration entscheidende
Beachtung sindet, daß es dem Testator mit Rechtskraft erlaubt
ist „postea declarare de quo senserit“ (Ulp. lib. II ad 8a-
bin. fr. 21, §. 1 qui test. f.). Wird doch zur Zeit des jünge-
ren Celsus die überwiegende Kraft der inneren voluntas des
Testators bereits so stark, daß sie selbst entgegen dem klaren
Worttext des solennisirten Testamentes dein Eingesetzten eine
größere Quote aus der Erbschaft verschaffen kann, falls aus
erweislichem bloßen Versehen eine geringere Quote niederge-
schrieben war (kr. 9 §. 2 d. bered, inst.).
Auch für die Auslegung von Schuldvertrügen hat die äl-
tere Lehre es wohl als Princkp aufgestellt, daß es entscheidend
ankomme auf die Ermittelung der einseitigen inneren Vorstellung
und des Wrllens der einzelnen Eontrahenten. Dem gegenüber
war es ein erheblicher Fortschritt, auch eine viel richtigere An-
passung an die praktischen Emzelentscheidungen der classischen
35) Unter den älteren Interpreten hat schon der treffliche Averanius,
interpretat, jur. tom. III lib V c. 6 ed. 3 S. 161 fg. auf die diametral
verschiedene Weise hingewiesen, in welcher durch Pomponius a. a. O.
die nämliche Bestimmung bei der Stipulation und bei dem Vermächtniß
ausgelegt wird.

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